Hoşça kal: Türkei, Teil IV (31. Mai – 9. Juni 2016)

Unsere Fahrt führt uns durch weite, karge Ebenen und über einen Pass nach Zara. Es schüttet wie aus Kübeln und wir suchen ein Restaurant, wo wir Pide essen können. Es gibt aber überall nur Köfte (Hacktätschli) und Sabine hat eigentlich keine Lust auf Fleisch. Dann finden wir ein kleines Lokal, welches Suppen und ein Auberginengericht direkt aus den Kochtöpfen anbietet. Diese sind superlecker, aber auch im vermeintlich vegetarischen Gericht sind natürlich Fleischstücke versteckt.

Die Route verläuft am nächsten Tag einem langgezogenen Pass hoch. Etwas mehr Wald säumt nun die Hänge und bei der Abfahrt guckt uns plötzlich ein junger Braunbär auf der anderen Seite eines Baches an. Schnell kraxelt er den Hang hoch und verschwindet im Grün. Entlang der Schnellstrasse (nach Suşheri, Richtung Erzincan) ist es schwierig, einen geeigneten Schlafplatz zu finden: An jedem flachen Fleck bestellt jemand sein Feld. Zwischen Obstbäumen, in unmittelbarer Nähe zur Strasse, werden wir dann fündig. Nicht ideal, aber für eine Übernachtung sollte das schon gehen. Mitten in der Nacht hören wir dann aber plötzlich Stimmen und eine starke Taschenlampe scheint aufs Zelt. Wir sind mucksmäuschen still und warten mit etwas Herzklopfen ab. Zum Glück geschieht nichts weiter, die Leute entfernen sich (fluchend?) und so bleibt die “ohne-probleme-wild-zelten” Serie ununterbrochen.

Wir biegen ab nach Gölova, welches an einem hübschen Stausee liegt. Die Fahrt führt durch ein schönes Tal, welches nur spärlich mit Bäumen besetzt ist. Es ist heiss und wir sind froh um jeden Brunnen für eine kurze Abkühlung. Auf dem Pass treffen wir Fatih im Lieferwagen und verabreden uns zum Çay in zwei Stunden in Şiran. Kurz vor unserem Eintreffen in die Stadt hält ein Auto mit drei betrunkenen Türken. Sabine darf nicht hinschauen, während Sämy und der Fahrer zwei Raki stürzen. Die Einladung zum Fahrer nach Hause lehnen wir dann aber dankend ab. An einer Tanki machen wir uns sauber und erhalten einen Tee. Die neugierigen Kinder fragen uns aus und begleiten uns anschliessend mit ihren Velos zum Treffpunkt mit Fatih. Dort trinken wir nochmals Tee und essen einen feinen Dürüm zum Znacht. Wir plaudern viel und Fatih will uns überzeugen, dass der Islam DIE eine richtige Religion sei… Er lädt uns ein, bei ihm zu übernachten. Wir meinen, wir können gut im Zelt schlafen, aber nein, wir seien seine Gäste. Irgendwann stellt sich heraus, dass er gar keinen Platz für uns hat und uns ein Hotelzimmer organisiert hat – natürlich alles gratis! Mit Nüssli und Sonnenblumenkernen fahren wir zum Park hoch über Şiran und geniessen bei herrlichem Ausblick über die Stadt – wie könnte es anders sein? – den 100ten Tee des Tages.

Heute wollen wir nach Gümüşhane und starten langsam steigend durch eine wunderschöne, grüne Gegend. Die Strasse wird steiler und zeitweise schlecht, dafür werden wir auf dem Pass mit einer herrlichen Sicht belohnt. Irgendwo hinter diesen Hügelketten liegt das Schwarze Meer. Die Abfahrt führt durch ein schmales Tal – links und rechts ragen spektakuläre Felsen in den Himmel. Je mehr Höhenmeter wir verlieren, desto bevölkerter wird es. Im Talboden angekommen, gehts auf die Suche nach einem Schlafplatz. Wieder müssen wir auf ein Privatgrundstück “eindringen”, weil wir sonst nichts geeignetes finden.

Voller Vorfreude fahren wir nach Gümüşhane, werden dann aber ziemlich enttäuscht: Neben einem riesigen Strassenbauprojekt werden auch unzählige hässliche Hochhäuser ins enge Tal gezwängt… Nach einem Tee und Simit fahren wir daher gleich weiter. Auf der Schnellstrasse gehts Richtung Bayburt. Wir biegen dann aber bald ab, nach Arzular. Viele Höhenmeter warten auf uns. In einem kleinen Dorf lässt sich ein bellender Hund nicht einschüchtern, so dass Sabine absteigen will. Durch Schmutz im Pedal funktioniert das Ausklicken nicht wie gewohnt und so gibts seit langem wieder einmal einen Sturz aus dem Stand… Den Hund hat das nicht gross beeindruckt, dafür hat Sabine nun ein paar blaue Flecken und Schürfungen mehr. Der Aufstieg auf dem engen Strässchen ist ein landschaftlicher Leckerbissen, aber super lang. Die letzten paar Kilometer bis zum Pass sind richtig steil und der Wind bläst uns kräftig entgegen. So zieht auch Nebel über die Passhöhe und wir machen uns gschwind an die Abfahrt. Im spärlich besiedelten Gelände finden wir ein tolles Zelt-Plätzchen an einem Bach. Kaum im Zelt, beginnts zu gewittern – Glück gehabt!

Und auch am Folgetag sind wir noch nicht lange unterwegs, saust die erste Gewitterfront über uns hinweg. Nach einem kurzen Pöiseli gehts aber bei Sonnenschein wieder weiter, wie gewohnt vorerst bergauf. Wir sind über der Baumgrenze und die Strasse ist nicht mehr asphaltiert. Wir geniessen trotz Anstrengung die eindrückliche Natur. Kuhglockengebimmel weckt Heimatgefühle. 🙂 Nach der Abfahrt ins kleine “Alp”-Dorf Taşköprü trinken wir Çay in der Meinung, für heute nur noch 100 Höhenmeter erklimmen zu müssen. Die Strasse wird schlechter, besteht zum Teil nur aus lauter grosser Steine, zum Teil aus vielen kleinen Seelein. Wir steigen und steigen und sind langsam müde: So streng waren 100hm noch nie… Irgendwann merken wir, dass wir ein paar Höhenkurven auf der Karte übersehen haben und die dreifache Höhe erklimmen müssen… Pünktlich zu unserer Passankunft auf 2300m.ü.M. beginnt es dann erneut heftig zu regnen und zu gewittern. Wir suchen kauernd im Graben neben dem Strassenwall etwas Schutz und warten ab. Es wird kalt und kälter, aber das Gewitter will nicht vorbeiziehen. Als es endlich nicht mehr blitzt und donnert setzen wir uns in strömendem Regen aufs Velo und machen uns an die holprige Abfahrt. Es bilden sich richtige Bäche auf der Strasse und so schleichen wir auf dem steinigen Untergrund talabwärts. Die Abfahrt wird spektakulär mit unglaublich steilen Teilstücken und immer wieder Felsbrocken oder Bächen mitten auf der Strasse. Von der tollen Umgebung kriegen wir nicht mehr viel mit, wir sind so stark auf die Strasse konzentriert. Zudem ist die Sicht schlecht. Nach 1500 Höhenmeter bergab wird die Strasse dann endlich gut und wir biegen ab Richtung Sümela Kloster. Wir wissen, dass es wegen Renovation geschlossen ist, hoffen aber, trotzdem einen Blick auf dieses einzigartige Bauwerk werfen zu können. Es ist neblig und wir sehen zuerst gar nichts. Enttäuscht fahren wir zurück zur Strasse. Dann, für einen kurzen Moment lichtet sich der Nebel, sodass wir doch noch das in den Fels gebaute Kloster aus der Ferne bewundern können. Nun haben wir noch immer mehr als tausend Höhenmeter und 50km bis Trabzon zu vernichten und es ist schon abends um fünf. Wir kommen abgesehen von Sabines Bauchkrämpfen gut voran und bis wir in Trabzons Zentrum stehen hats auch endlich aufgehört zu regnen. Unser Couchsurfing-Gastgeber Orhan holt uns mit dem Auto ab. Wir laden all unsere Gepäckstücke in sein kleines Auto und schliessen unsere Velos auf dem Veloparking mitten auf dem belebten Platz ab. Uns ist etwas mulmig zu Mute, sie da so alleine zu lassen – als einzige Velos auf dem Parking weit und breit. Doch Orhan meint, da passiere nichts, überall sei die Polizei und es habe viele Überwachungskameras. Nun gut, wir steigen ins Auto und fahren immer steilere Strassen hoch, bis wir bei seiner Villa ankommen. Es erwartet uns schon dessen Familie, sein Bruder mit Frau und der Bruder seiner Ehefrau. In grosser Runde gibts feinen Fisch, Tomaten-Gurken-Salat und ein Fleischgericht. Es ist der letzte Abend, bevor der Ramadan beginnt und so kommen noch Orhans Freunde zu Besuch und bleiben bis spät in die Nacht. Die Familie fährt nach Hause – sie wohnt nicht in der Villa. Dort quartiert Orhan bloss seine Couchsurfing-Gäste ein. Da wir die einzigen sind, haben wir das Riesenhaus für uns alleine.

Endlich schlafen wir wieder einmal aus, waschen unsere Kleider und liegen faul in der Villa rum. Nach diesen vielen Höhenmetern und Sabines Magen-/Darmverstimmung tut das richtig gut. Gegen Abend holt uns Orhan ab. Auf der Suche nach Pide, einem Fladenbrot, rasen wir durch Trabzon. Entweder die Bäckereien sind ausverkauft oder es warten sooo viele Menschen, dass Orhan ungeduldig weiterfährt. Endlich kriegen wir Pide, zwar kalt, aber immerhin. Die Ralleyfahrt durch Trabzon geht weiter. Alles, was uns in den Weg fährt, wird weggehupt oder rassig umkurvt. Wir erreichen Orhans Wohnung kurz vor 20 Uhr. Phu, gerade noch rechtzeitig. Denn schon bald ruft der Muezzin zum Iftar (Fastenbrechen) und das Festmahl beginnt. Eine Suppe zur Vorspeise, Reis mit Hackätschli im Teig zur Hauptspeise, dazu gibts Salat, Melonen und Kirschen. Das Dessert besteht aus in Milch, Zucker und Ei eingelegtem Brot mit Walnüssen. Alles ist superfein und wir fahren total überessen zurück in die Villa, wo uns weitere Freunde von Orhan treffen. Da wird weiterhin die Nacht zum Tag gemacht, bis um 3 Uhr der Muezzingesang das Essen, Trinken und Rauchen für weitere 17 Stunden verbietet.

Am nächsten Tag steht etwas Sightseeing mit Orhan auf dem Programm (er arbeitet während dem Ramadan nur wenns wirklich sein muss). Zuerst gibt es Burek und Patisserie zum Frühstück. Wir sind die einzigen, die etwas essen und trinken und kommen uns etwas komisch vor… Auch in Trabzon steht eine Aya Sofia mit schönen Wandmalereien. Nach einem kurzen Spaziergang der Strandpromenade entlang, an der alle Restaurants geschlossen sind, fahren wir zu einem Freund und trinken Tee. Wir statten der Villa Atatürks einen Besuch ab und fahren zum Zentrum um Zutaten fürs Znacht einzukaufen. Überall in den Restaurants sitzen Leute, nur hat niemand ein Getränk oder etwas zu essen vor sich – ein ungewöhnlicher Anblick. Wir sind wieder bei Orhans Familie eingeladen und werden aufs Neue köstlich verpflegt.

Nach einem Frühstück in der Villa fahren wir zum Platz im Zentrum und stellen erleichtert fest, dass unsere Velos noch unbeschadet dastehen. Die Fahrt auf der Schnellstrasse macht nicht viel Spass, auch der Regen trägt nicht dazu bei, dass wir die Strecke geniessen können. In Rize erkundigen wir uns nach einem Bus, der uns nach Hopa (20km vor der Grenze) bringen könnte. Doch diese wollen unsere Velos nicht transportieren. Also fahren wir aus der Stadt und machen Autostopp. Nach nur 10 Minuten warten, hält schon ein Pickup und nimmt uns mit. Es schüttet wie aus Kübeln und unser Fahrer will wissen, wo wir denn schlafen. Irgendwann meint er, bei diesem Regen können wir doch nicht im Zelt übernachten und lädt uns zu sich nach Hause ein. Da erwarten uns die Schwestern der Frau und deren Familien. Wir sind so viele Leute, dass wir nicht alle am selben Riesentisch sitzen können. Kaum hat der Muezzin gerufen, beginnt das grosse Mahl. Teller um Teller wird mit neuen Köstlichkeiten gefüllt und auch auf dem Tisch stehen viele feine Sachen (da langt jeder einfach rein). Nachdem die Frauen den Abwasch erledigt haben, trinken sie mit Sabine in der Küche und die Männer mit Sämy in der Stube Tee.

Nun heisst es, Abschied nehmen von der Türkei. Nach den superschönen 7 Wochen mit so unendlich warmherzigen Leuten, wunderschönen und abwechslungsreichen Landschaften, sowie feinsten Gerichten fühlen wir uns hier fast wie zuhause. Wir freuen uns aber auch sehr, wieder einmal ein neues Land zu entdecken. Und der Abschied fällt uns bei weiterhin strömendem Regen und verkehrsreicher Strasse nicht ganz so schwer.

1 thought on “Hoşça kal: Türkei, Teil IV (31. Mai – 9. Juni 2016)”

  1. Liebe Sabine und Sämi,
    ich lese mit viel Interresse euren Reisebericht und finde es toll, dass ihr das macht.
    Wünsche euch noch eine gute Weiterreise.
    Edith

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