Im zentralasiatischen Winter: Kasachstan (4. – 10. November 2016)

Eisig kalt wie der heutige Tag ist auch der Blick aus den tiefblauen Augen des kasachischen Grenzbeamten. Rasch die Taschen am Velo öffnen, damit der Drogenhund alles erschnüffeln kann, und nach kurzer Erklärung was diese rote Brennstoffflasche im Gepäck soll, ist der Stempel im Pass. Wir wollten eigentlich früh starten heute, aber schliesslich dauert es jedes Mal lange, bis alles eingeräumt, eingekauft und der gemütliche „Wohnort“ verlassen ist.

Doch wir wissen: In wenigen Tagen brechen unsere französischen Freunde, Lucie und Pierre, von Almaty auf. Bis dorthin ist es aber noch eine weite Strecke – wir rechnen mit drei Fahrtagen. Also strampeln wir bis es dunkel wird. Mit der Dämmerung wird auch die Kälte immer unerbärmlicher und wir springen schnell in unseren Schlafsack. Am nächsten Morgen ist dann prompt das Zelt eingefroren – beim Zusammenpacken stäubt der Schnee.

Wir starten schon mit kalten Füssen und dies, obwohl wir die Metall-Plättchen der Klick-Schuhe extra herausgeschraubt und alle Löcher zugetaped haben. Dies will sich beim langsamen Aufstieg nicht wirklich ändern. Als wir kurz vor der Passhöhe dann noch in dicken Nebel tauchen, frieren neben dem Wasser in unseren Trinkflaschen, auch unsere Wimpern ein. Und wir verlieren das Gefühl in unseren Händen und Füssen. Pünktlich zur Mittagszeit schaffen wir dann endlich den Anstieg und fahren wieder unter die Nebelgrenze. Wir kochen uns eine wärmende Suppe, denn Sämys Füsse sind noch immer zwei gefühllose Eisklötze. Doch alles Essen, Hüpfen und Reiben bringt nichts. Zudem schlägt das graue Wetter aufs Gemüt: „Wieso kämpfen wir hier eigentlich gegen diese Kälte und den Wind an und sind nicht schon längst in Almaty, die Zeit mit unseren Freunden am geniessen?“, hört man einen Strampli sich fragen.
Die Entscheidung fällt uns also nicht sonderlich schwer – wir wollen per Autostopp dieser Saukälte entfliehen! Und schon 10 Minuten später wird das Verschlusssiegel eines LKW-Anhängers gebrochen, die Velos auf dem Altglasgut verstaut und wir sitzen im geräumigen Cockpit. Wir versuchen ins Gespräch zu kommen, doch dank Suppenkoma und wohliger Wärme nicken wir kurz später ein. So vergeht die 1.5-stündige Fahrt in die ehemalige Hauptstadt wie im Fluge.

Endlich kommen wir im Hostel Dom an. Und natürlich ist das Wiedersehen mit Lucie und Pierre herzlich. Wir besichtigen die Stadt zusammen; sie ist sehr grün und wir flanieren gemächlich durch die Parks. Zum Aufwärmen gibt es einen Kaffee in einem der vielen gemütlichen Café’s mit westlichen Preisen. Wir schauen in der Zentralmoschee vorbei, bleiben auf dem Platz vor der orthodoxen Kirche einen kurzen Moment zu lange stehen, sodass wir den wartenden Polizisten unseren Pass zeigen müssen (und die Franzosen ihre Kopie, da ihr Pass gerade auf der russischen Botschaft auf ihr Visum wartet). Dann schlendern wir durch eine Seitengasse in welcher plötzlich ein angenehm süsser Schokoladengeruch unsere Nasen erreicht – hier muss wohl eine Schoggifabrik stehen, auch wenn wir sie leider nicht finden können. Und zum Abschluss des gemeinsamen Tages prosten wir endlich im englischen Pub mit einem Humpen Bier!

Almaty ist sehr westlich, Werbefilme tanzen auf der Grossleinwand vor Shoppingzentren, daneben findet man aber auch den typisch zentralasiatischen Bazar. Dank grossen Öl-Vorkommen, geht es den Kasachen wirtschaftlich ziemlich gut. Dass es um Kasachstan, von allen ’stans, am Besten steht, ist auf Almaty’s Strassen unschwer zu erkennen: Die Mehrheit der Fahrzeuge ist gross und protzig, Banken erledigen ihre Geschäfte in Hochhäusern mit glänzender Glasfassade und das Preisniveau ist beinahe europäisch.

Am nächsten Tag wollen wir den Big Almaty Lake besichtigen – ein Trinkwasserreservoir in den nahegelegenen Bergen. Shakir – der Inhaber des Hostels – rät uns, einfach an den Strassenrand zu stehen, ein Auto anzuhalten und mit diesem privaten Taxi zum See zu fahren – inklusive einstündiger Wartezeit und anschliessender Rückfahrt. „Sollte nicht mehr als 10$ kosten!“. Wir können das fast nicht glauben, probieren es aber trotzdem. Und siehe da, das zweite Auto nimmt uns tatsächlich mit! Wir fahren ca. 20km und schlängeln uns langsam den Berg hoch. Doch dann sehen wir die ersten Autos Schneeketten montieren. Wir wissen, dass die Fahrt bis direkt zum See wohl unmöglich ist, doch sind wir noch ein gutes Stück entfernt! Wir ahnen Böses und schon in der nächsten Kurve liegt ein Hauch von Schnee auf der Strasse und unser Fahrer verwirft die Hände: „Probljem! Sniek. Lake, njet!“. Die Schweizer schätzen die Schneeverhältnisse als noch klar fahrbar ein, doch lässt sich unser Fahrer nicht umstimmen. Jänu, dann soll er halt wieder zurück fahren, wir gehen den Rest zu Fuss! Es vergehen ca. 2 Stunden, vorbei an wunderschön verschneiten Hängen und Wäldern, parkierten Autos der anderen Besuchern und dann schliesslich eisigen und schwierig passierbaren Wegen. Wir geniessen die sonnige Wanderung und, oben angekommen, die eher bescheidene Aussicht auf den See. Auch der Abstieg lässt genügend Zeit, uns mit den Franzosen auszutauschen und so verbringen wir einen wunderschönen Tag zu viert. Zurück im Tal stöppeln wir in die Stadt. Als krönenden Abschluss des Tages statten wir dem Bierladen im Quartier einen Besuch ab. Hier kann aus über 20 lokalen Biersorten direkt vom Zapfhahn an der Wand ausgelesen und in 1.5-Liter-Pet-Flaschen abgefüllt werden.

Und dann ist es schon bald soweit: Wir müssen uns für den Flug nach Südostasien parat machen. Wir klappern mehrere Veloläden nach Kartons ab und werden schliesslich in einem Jagdshop fündig. Wir wählen die Schachteln ohne Gewehrbilder, um Probleme beim Zoll zu vermeiden. 😉 Dann schrauben wir die Pedale ab, entfernen die Vorderräder und lassen die Luft aus den Reifen, schneiden den Karton als passende Hülle zu und wickeln alles in Klarsichtfolie ein. Die Velotaschen verpacken wir in einem grossen Sack zu einem Gepäckstück.

Wir lassen Shakir für uns ein Taxi auf 21 Uhr organisieren. Um 21:20 Uhr erhält dieser promt einen Anruf: Das Taxi ist da! Etwas nervös tragen wir all unser Gepäck auf die menschenleere Strasse. Nach 10 Minuten ruft der Hostelchef das Taxiunternehmen zurück, dann nochmals und keine 30 Minuten später steht dann endlich ein Auto da. Jedoch ein ziemlich Kleines. Shakir verwirft die Hände: Er habe extra einen grossen Wagen für unsere Velos angefordert! Wir werden etwas nervöser. Doch kein Problem – das hat sicher alles in diesem Auto platz! Also murksen wir unser Hab und Gut rein, verabschieden uns und setzen uns zu zweit auf den Beifahrersitz. Dann blockiert der Fahrer: Er könne so leider nicht fahren – es sei gegen das Gesetz! Shakir und der Taxifahrer unterhalten sich nun auf kasachisch und wir werden noch etwas zappliger. Dann verschwindet Ersterer. Wir haben genug, leeren das Taxi und schicken es zum Teufel. Es ist nun 22:25 Uhr – unser Flug geht um eins. Unsere Tourenfahrer-Freunde helfen uns das Gepäck an die nächst grössere Strasse zu tragen – denn, was zum Stausee klappt, funktioniert sicher auch zum Flughafen! Und so fragen wir den erstbesten Jeep als Mitfahrgelegenheit zum Airport an. Dieser willigt ohne Nachdenken ein (der vorgeschlagene Preis ist der selbe, welchen wir auch dem Taxi bezahlt hätten: 5$). Jetzt taucht auch Shakir wieder auf, sichtlich erleichtert über unsere Lösung. Wie wir später erfahren, hat der Taxifahrer mehr Geld verlangt, welches Shakir aus der Hostelkasse holen gegangen ist, um uns weitere Sorgen zu ersparen!

Und so nehmen wir ein letztes Mal Abschied von unseren Freunden und bald auch dem mittlerweilen so gewohnten und etwas liebgewonnenen Zentralasien. Wir fühlen uns komisch, all unser Gepäck und die Velos übers Band zu schieben. Wir müssen dann am Gate doch noch etwas warten und schauen nostalgisch auf unsere bisherige Reise zurück. Schliesslich heben wir ab und schauen müde, aber noch nicht parat zum schlafen, einen Film des On-Board-Unterhaltungssystems: „Shutter Island“. Nicht der beste Film DiCaprios, doch eine gute Unterhaltung bis uns um 3 Uhr in der Früh noch ein vollwertiges Nachtessen serviert wird. Der Captain setzt Kurs um den Himalaya und so schliessen wir über Dushanbe unsere Augen.

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