Anstrengendes Albanien (5. – 11. April 2016)

Viele Menschen auf Velos heissen uns in Albanien Willkommen. Überhaupt sind die Leute äusserst freundlich, winken, hupen und rufen “hello”. Albanisch ähnelt leider keiner der bisherigen Sprachen und so bringen wir kein einziges Wort in der Landessprache heraus. Wir finden eine Bleibe am Shkodra-See auf einem schönen Campingplatz mit Sandstrand und Strohschirmen. Eigentlich käme uns ein Ruhetag gelegen. Da die Wetterprognosen aber für die übernächsten Tage Regen voraussagen, verschieben wir ihn, damit wir die geplante Fährefahrt auf dem Koman-See im Trockenen geniessen können.

In Skodër treffen wir auf eine vollkommen belebte Stadt und setzen uns spontan in ein Restaurant in der Fussgängerzone. Wir beobachten das bunte Treiben, bevor es nach dieser Stärkung weiter Richtung Stausee geht. Es stehen nur wenige Kilometer auf dem Programm, doch brauchen wir eine Menge Zeit dafür: Dem Fluss Drin entlang führt die Strasse hoch und hinter jeder Kurve verlieren wir die eben gemachten Höhenmeter wieder. Ganz schön anstrengend dieses Auf und Ab. Zudem verwandelt sich die asphaltierte Strasse immer wieder in eine mit Schlaglöchern durchsetzte Naturstrasse. Die wunderschöne Aussicht ins Tal wird durch vier parallel geführte Strommastenlinien gestört. Immerhin duftet es fein nach Pinienwald.
Wir erreichen am Abend den Camping Natura – direkt neben dem Stausee-Kraftwerk. Toiletten, Restaurant sowie Zimmer wurden gleich unter die einzige Brücke über den Drin gebaut. Zur Begrüssung erhalten wir ein Bier aufs Haus und erfahren, dass morgen keine Fähre ablegen wird. Das kann doch nicht sein…! Sämy setzt sich kurzerhand nochmals aufs Velo und fährt die Staumauer hoch zum Hafen.
Sämy: “Mirëdita! Will there be a ferry tomorrow?”
Hafengestalt: “No ferry! Boat! 9!”
Sämy: “Faleminderit.”
Und schon gehts die Staumauer wieder runter.

Am nächsten Morgen kämpfen wir uns also, gegen starken Wind, erneut die zwei Kilometer zum Hafen hoch. Die letzten Meter geht es durch einen stockdunkeln Tunnel. Direkt an dessen Ausgang klebt der Quai, der gerade genügend Platz für ein paar reparaturbedürftige Boote und diverse schräge Gestalten bietet. Wir verhandeln den Preis und setzen uns schliesslich ins Boot. Neben den Einheimischen fährt noch ein australisches Paar und ein Kühlschrank mit. Die Landschaft ist beeindruckend: Steil gehen auf allen Seiten die grünen Hänge empor. Immer wieder verschwindet ein Arm des Koman-Stausees in einem Tal, wo im Hintergrund sogar die schneebedeckten Spitzen von Bergen zu sehen sind. Bei jeder Anlegestelle, die nur an den Trampelpfaden zum Wasser und den wartenden Lasteseln zu erkennen sind, steigen Personen aus und verschwinden in den Büschen. 2,5 Stunden später erreichen wir Fierzë. Heute planen wir nicht mehr viele Kilometer zu strampeln und essen erst einmal Zmittag am Fluss. Auf Schlafplatzsuche fahren wir weiter dem Stausee entlang und entdecken am anderen Ufer eine kleine Wiese. Gleichzeitig mit uns kommen auch die Teenies mit dem Schulbus an. Sie springen nach ein paar mit uns gewechselten Worten ins kühle Nass. Wir entscheiden, erst zu unserem erspähten Übernachtungsplatz fahren, wenn die Jungs weg sind, da wir befürchten, sonst Nachmittagsattraktion zu sein. Also suchen wir vorerst Schatten etwas abseits der Strasse. Es dauert wie erwartet nicht lange, bis ca. 7 pupertierende Gesichter wie hungrige Raubtiere um uns schleichen. Immer wieder wechseln wir einige Worte, allerdings ist unser Albanisch etwa gleich gut wie ihr Englisch. Nun gut, dann fahren wir halt weiter und suchen uns einen anderen Schlafplatz… Doch bei den Velos angekommen, fehlt Sabines Pullover. Die Jungs wissen natürlich von nichts und führen uns eine ganze Weile an der Nase herum. Nach einer gefühlten Ewigkeit und vielen Nerven weniger, lösen sie endlich ihren Spass auf und bringen den Pulli zurück. Für uns heisst das, anstatt Ruhetag, 400 Höhenmeter erklimmen und einen anderen Übernachtungsplatz finden. Immerhin werden wir belohnt und können unser Zelt auf einer schönen Wiese mit bestem Ausblick hoch über dem Stausee aufschlagen.

Die nächste Etappe führt uns ohne Ende auf und ab Richtung Lajthizë. Im gleichen Stil wie am Vortag sehen wir wie die Strasse auf der gegenüberliegenden Talseite auf gleicher Höhe verläuft, wissen aber, dass wir bis dort erst noch duzende Höhenmeter verlieren und wieder gut machen. Können die Albaner denn keine Brücken bauen? Als überraschenderweise ein Restaurant auftaucht, gönnen wir uns eine Trinkpause. Die Bären im engen Käfig tun uns dann aber zu fest Leid und so fahren wir kurz darauf am nächsten Restaurant vorbei, wo wir mit bester Stausee-Aussicht ein Zmittag geniessen. Die Landschaft ist seit wir dem Fluss Drin zum Koman-Stausee folgen unverändert und traumhaft schön. Grün bewachsene Hänge, in denen die braun-rote Erde einen starken Kontrast gibt. Und weit unten blicken wir auf den blauen See herab. Am Nachmittag erreicht uns dann das prognostizierte Gewitter. Der Sprint eines aggressiven Hundes endet glücklicherweise nur in einem kleinen Schock für Sämy, und einem Grossen für den Hund: Überraschendes Bremsen auf Kies hat dieser definitiv nicht erwartet und sofort das Weite gesucht.

Der Regen bleibt uns auch am nächsten Tag bis am Mittag treu. Wir treffen einen abgehärteten englischen Tourenfahrer in kurzen Hosen, der gerade einen Platten an seinem Touren-Rennvelo (!) behebt.
Zum Znüni kaufen wir uns im Dorf Shëmri ein paar Schokoriegel (im ersten Laden seit Fierzë). Als wir so tropfnass vor dem Laden stehen, erregen wir Mitleid bei den Frauen im Laden, worauf uns eine zum Kaffee einlädt. Die ersten Restaurants scheinen aber keinen Platz zu haben. An diesem feuchten Samstagmorgen sitzen alle Männer beim Kaffee oder Schnaps. Sabine und Adriana sind die einzigen Frauen in dieser Beiz. Mit Pantomime schaffen wir es, uns ein paar wenige Dinge aus unseren Leben zu erzählen. Das Angebot vom Herrn, der eben seinen Schnaps leergetrunken hat, uns mit dem Auto für 10€ an unser Tagesziel zu fahren, lehnen wir dankend ab und schwingen uns wieder aufs Velo. Allmählich wird es wieder trocken und so schaffen wir es bald nach Kukës. Dort kommt uns ein voll beladener japanischer Tourenfahrer entgegen: Er trägt seine Gitarre auf dem Rücken und sogar einen Verstärker mit, um mit Strassenmusik seine Reise finanzieren zu können…! Nachdem wir ein paar Kindern erzählt haben, dass wir Schweizer seien, weiss dies bald die ganze Stadt: An jeder Ecke ertönt “Zvizer?!”. Alle wollen uns vom Hotel Tirana überzeugen. Wir finden im Internet aber nur Informationen zu den zwei anderen Hotels und entscheiden uns gegen den lokalen Tipp.

Die Landschaft bleibt das absolute Highlight unserer nächsten Etappe nach Peshkopi. Sie lässt die Höhenmeter etwas weniger streng werden und rückt die Erfahrungen mit den bettelnden und uns mit Steinen bewerfenden Kindern in den Hintergrund. Der Strassenzustand verschlechtert sich ein weiteres Mal immer mehr, je näher wir zur Stadt kommen. Wir finden ein (Hippie-)Hostel und verbringen einen gemütlichen Abend in internationaler Runde.

Am nächsten Tag verlassen wir Albanien. Wir erinnern uns an die wunderschöne Landschaft und interessierten Menschen, lassen aber gerne ihre zum Teil aufdringliche Art hinter uns. So gehen wir mit gemischten Gefühlen und freuen uns auf Mazedonien.

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