Nur wenige Meter in China und wir fühlen uns in einer anderen Welt: Breite Strassen mit weiten Trottoirs sind mit Menschen gefüllt, rote Lampions zieren Strassenlaternen und werden vor Restaurants aufgehängt, Autos hupen um die Wette und hunderte Schilder – eins über dem anderen an Hausfassaden oder Leuchtschriften in Schaufenstern – werben mit für uns unverständlichen Hieroglyphen. Es ist laut, belebt und bunt.
Eigentlich ist Fahrradfahren auf chinesischen Autobahnen verboten. Doch da die Mautstation – da wo die Kontrollen gemacht werden – noch nicht steht, rollen wir die ersten Kilometer auf bestem Asphalt. Der Verkehr ist mässig, die Nebenstrasse ungeteert und hügelig. Dann nehmen die Autos und Lastwagen aber zu und in den unbelüfteten Tunnels wird Luft und Platz knapp. Also verlassen wir nach dem Mittag den Highway und wechseln auf die Nebenstrasse. Hier ist der Untergrund nun niegelnagelneu; der Asphalt ist klebrig und füllt das Profil unserer Reifen. Schmatzend fahren wir weiter und erreichen abends Mengla, wo wir die Nacht verbringen wollen. Die auf der Karte scheinbar kleine Ortschaft entpuppt sich als ansehnliche Stadt! Nun heisst es, ein Hotel finden: In China müssen wir offiziell jede Nacht registriert werden. Nicht jede Unterkunft kann uns jedoch im Polizeisystem eintragen. Erkennen, welche Hotels diese Möglichkeit bieten, tut man aber nicht. Wir werden fündig und erklären mit dem Übersetzungsprogramm auf dem Telefon unsere Situation. Wir sind noch unerfahren mit der App und das chinesisch ist wohl nur mittelmässig verständlich. Am Ende sind wir uns nicht sicher, ob das mit der Registration geklappt hat.
Aber egal, wir sind hungrig und machen uns auf die Suche nach unserer ersten chinesischen Mahlzeit. Auf dem Markt reiht sich ein halboffenes Restaurant ans Andere. Es winkt uns ein Besitzer lächelnd zu sich und kurz später stehen wir vor einem riesigen Kühlschrank. Durch die Glastüre sehen wir die grosse Auswahl: Im Angebot sind Blumenkohl, Karotten, Aubergine, Tofu und andere Pilze, eine ganzes Tablar an Kräutern und zuunterst Fleisch und Fisch gehackt oder in grossen Stücken. Auf einem Teller erblicken wir dann auch noch Frösche und eine Ente. Freunde haben uns von diesen Restaurants erzählt und sozusagen eine Bedienungsanleitung geschildert. Zum Glück, denn der Koch steht bloss lächelnd da und wartet auf unsere Bestellung. Wir zeigen also auf die Zutaten, die uns dann zu einem Gericht gekocht werden sollen. Bei Einigen schaut uns der Besitzer fragend an oder schüttelt den Kopf. Wir verstehen nicht, aber gut, dann nehmen wir halt etwas anderes. Es ist ein lustiges Erlebnis und nach wenigen Minuten sind Auberginen, rotes Fleisch, Tomaten und Chinakohl ausgewählt. Mit einer Kanne Tee warten wir gespannt auf unser Menü. Dann trifft uns fast der Schlag: Anstelle eines Gerichts mit all unseren gewählten Zutaten, kommt ein Gericht pro Zutat! Damit haben wir nicht gerechnet. Unser Tisch füllt sich also und bald stehen drei herrlich duftende Platten, ein Topf Tomatensuppe und eine Schale Reis vor uns. Am Nebentisch schaut man uns amüsiert und neugierig zu. Die vier Personen haben etwa gleich viele Gerichte vor sich stehen wie wir zu zweit… Wir schlemmen und schaffen es dank unserem Velohunger alle Teller leer zu essen. Mmmmh, das war fein!
Auch heute starten wir auf der Autobahn. Die gleichmässige Steigung und höhensparende Tunnels sind verlockend. Doch ebendiese entpuppen sich abermals als unbelüftet und unbelichtet. Die Lastwagen überholen uns brausend und laut hupend. Es dröhnt laut und wir zucken jedes Mal zusammen. Das T-Shirt haben wir uns über die Nase gezogen um uns etwas vor dem aufgewirbelten Staub und den Abgasen zu schützen. Die Luft sticht beim Einatmen in der Lunge. Wir sind froh, als wir endlich die 3km hinter uns gebracht haben und schwören uns, fortan die Schnellstrasse zu meiden! Die Nebenstrasse entpuppt sich zudem als wunderschön. Sie führt durch einen der grössten Nationalparks Chinas. Langsam schlängelt sich die Strasse den Dschungel hoch. Wir geniessen das Surren der Insekten und Pfeifen der Vögel. Es ist wie in einer anderen Welt – hier, nur 200m vom stinkenden und lauten Verkehr entfernt. Beim «Wild Elephant Park» nach Jinuoshan ist es dann vorbei mit der Ruhe: Zig Busse füllen die Parkplätze bis auf das letzte Feld und so wird auch noch auf der Strasse parkiert. Überall wuseln Menschen umher. Mit Megaphonen werden die chinesischen Reisegruppen durch den Nationalpark geführt. Eine Seilbahn bringt sie auf einen Hügel und zum Elefantenreiten. Wilde Elefanten sehen wir natürlich keine. Dafür aber mit grossen Schildern unverkennlich markierte Trampelpfade, die wohl von den Dickhäutern benutzt werden. Dahinter Stallungen für die im Park angestellten Tiere. Nationalpark im chinesischen Stil…
Tee-Haine lösen nun die Bananenplantagen ab. Ganze Hügel sind voller Terrassen mit den grünen, etwa bauchnabelhohen Büschen. In langen Linien sind sie durch die Gegend gezogen. Ein eindrückliches Bild! Die Einfahrt nach Dadugan ist dann wie bei so manch anderem Ort eher hässlich. Links und rechts der Strasse wird bei ein paar Hütten der Abfall gesammelt und die Wasserkanäle sind mit einer stinkenden Kloake gefüllt. Das Leben findet hier wie in Südostasien draussen statt. Überall wird gewerkelt und dies vorzugsweise auf dem Trottoir: Da schweisst einer ein neues Geländer, da wird in einem Becken Geschirr gewaschen, nebenan die Kleider. Der Coiffeursalon ist ebenso halboffen wie die Zahnarztpraxis. Vorbei am Feuerwerkskörpershop kommen wir ins Zentrum mit Markt und kaufen uns zum Zmittag Bananen und Dumplings (gedämpfte Teigtaschen gefüllt mit einer Fleisch- und Gemüsefüllung). Es finden jeweils 8 Stück in einem Topf mit Siebboden Platz. Diese werden zu hohen Türmen gestapelt und auf kochendes Wasser gestellt. Der Dampf zieht durch den Dumplingkamin und gart sie dabei.
Nach einer Abfahrt erreichen wir ein Tal, welches bis auf den letzten Quadratmeter bepflanzt ist. Grösstenteils wieder mit Bananen, es wachsen aber auch Chilis, Melonen, Gurken, Drachenfrüchte und Kaffee. Kurz nach Mittag erreichen wir Pu’er und erholen uns den ganzen Nachmittag. Der Kontrast zwischen Stadt und Land ist riesig. Vom so einfachen Landleben, wo Handarbeit zum Alltag gehört, zur lauten, funkelnden Stadt, wo man findet, was das (chinesische
) Herz begehrt. Westler haben wir seit der Grenze keine mehr gesehen und so erregen wir oft grosse Aufmerksamkeit. Interessiert werden wir von Kopf bis Fuss gemustert und bestaunt. Manchmal haben wir das Gefühl, es spricht sich rum, dass zwei Langnasen im Restaurant sitzen und dann kommen uns die Leute anschauen.
Die Restaurantbesuche sind anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Meist sitzt man auf kleinen Schemeln um den Tisch und erhält gleich nach der Bestellung das Geschirr in Plastik eingeschweisst und eine Kanne Tee. Die anderen Gäste schmeissen den Plastik, Servietten und allfällige Essensreste wie Knochen einfach auf den Boden. Das gibt dann eine ziemliche Sauordnung, die aber nach jedem Gast sofort wieder weggewischt wird. Essen ist in China, wie so Vieles, eine laute Angelegenheit: Es wird hemmungslos geschmatzt, geschlürft und natürlich auch auf den Boden gespuckt.
Wir sind heute früh auf der Strasse, aber die Abzweigung, die wir nehmen wollen gibts nicht. Wir suchen, fahren hin und her und kommen dann über einen Dreckweg und durch enge Gassen doch noch auf die G213. In der zweiten Steigung überholt uns ein Velofahrer. Wenig später kommt er uns wieder entgegen und schlägt mit Pantomimen vor, zusammen Mittag zu essen. Im Tross geht’s nach Ninger. Wie auch wir es stets machen, läuft Shihuan direkt in die Küche und bestellt und bestellt… Auf der Liste sind bestimmt schon 10 Zutaten! Zum Glück gesellen sich bald der Bike-Shop-Inhaber der Ortschaft und der Shanghaier Eric zu uns. Letzterer spricht Englisch und fungiert als Übersetzer. Das Essen wird in die Tischmitte gestellt. Dann schöpft sich jeder was ihm beliebt auf den Reis in seinem Schälchen.
Die Region Pu’er ist chinaweit bekannt für ihren Tee und so gibt’s anschliessend das heisse Getränk im Velo-Shop. Das Aufgiessen des Tees ist eine uralte Tradition. Auf einem massiven Holztisch stehen die Zutaten bereit. Eine leichte Vertiefung in der Mitte bildet eine Art Bassin. Darin hocken vier Porzellanfiguren: Ein Wasserbüffel, eine Kröte und zwei Menschen. Sie sollen für Glück sorgen. Das Geschirr wird mit heissem Wasser ausgespült und vorgewärmt. Danach wird das Wasser über die «Haustiere» gegossen, um auch sie zu reinigen. Der Tee ist zu einer Platte gepresst und in einer Papiertüte verstaut. Es wird ein kleines Stück abgebrochen und in eine farbig verzierte Keramikschale gegeben. Dann mit Wasser übergossen. Es färbt sich sofort gelb. Nur kurze Zeit später bleiben die Teeblätter im Sieb hängen, während der Tee in einen doppelwandigen Glaskrug umgeleert wird. Die Porzellanfiguren werden abermals begossen. Schliesslich werden unsere Mini-Tässli gefüllt. Der Tee hat einen extrem intensiven Geschmack. Mehrmals wird er aufgegossen und unsere Schälchen wieder aufgefüllt. «Wir befinden uns hier auf der sogenannten Tee- und Pferdestrasse», erklärt uns Eric. Dieses ausgedehnte Wegenetz hat die bedeutenden Teeanbaugebiete in den Provinzen Yunnan und Sichuan mit dem tibetischen Hochland verbunden. Während der im südlichen Teil Yunnans wunderbar gedeihende Tee nach Tibet gebracht worden ist, sind Salz und Pferde nach Yunnan transportiert worden. Nach traditioneller Herstellung werden die Blätter des Qingmao-Baumes gedämpft und in Fladen-, Ziegel-, oder Kugelform gepresst. Diese Formen seien praktisch zum Transportieren. Anschliessend wird der Tee getrocknet und mindestens 5 Jahren gereift. Dabei verändert sich dank zahlreichen Mikroorganismen der Geschmack. Wie beim Wein gilt auch beim Pu’er-Tee: Je älter desto besser.
Weiter geht es nordwärts. Die tropische Hitze der vergangenen Monate lässt von Tag zu Tag nach. Nun dominiert der Getreideanbau und gibt eine willkommene Abwechslung: Ins rot-grüne Landschaftsbild mischt sich jetzt noch gelb ein. Nachdem wir in Südostasien vier Monate lang nur grün gesehen haben, eine richtige Augenweide.
Zum Frühstück gibt es heute Bananen und Hefeteig-Gebäck. Mmmmh, einfach köstlich nach so langer Zeit Brotabstinenz.
Wir kommen in ein Tal mit einem breiten Fluss. Alle paar Kilometer baggert eine Maschine Sand aus dem Flussbeet; das Wasser ist durchgehend braun und trüb. Es vergeht sowieso kein Tag, an dem wir keine Baumaschinen sehen: Da entsteht eine breite Autobahn, dort eine neue Lagerhalle, hier eine riesige Siedlung. Wir haben den Eindruck, als liessen die Chinesen keinen Flecken Natur in Ruhe. Als seien Landschaftsbild und Umweltschutz hier Fremdwörter.
Ausgangs Zhenyuan ist die Strasse gesperrt. Sie ist aber die einzige Verbindung zum heutigen Etappenziel. Also ignorieren wir die winkenden Bauarbeiter und fahren an der Absperrung vorbei. Erst ist der Belag einfach nur schlecht, doch dann steht ein Bagger mitten auf der Strasse. Anstatt Strasse ist da jetzt ein tiefes Loch! Wir schlängeln uns am Rande über die Steinbrocken vorbei und gelangen nach kurzer Zeit auf die asphaltierte Strasse zurück. Es sieht so aus, als ob von dieser Sperre nur die Dorfbewohner etwas wüssten; die haben nämlich ihre Essstände am Wegrand aufgestellt und dürfen bereits die ersten wartenden Autofahrer ihre Kunden nennen. Wir fahren den ganzen Tag durch ein stark bewirtschaftetes Tal. Es wird gerade fleissig ausgesät und sieht nach viel Handarbeit aus. Überall blühen die Obstbäume in frühlingshaftem Rosa und Weiss. Es geht vorbei an grossen Ziegelbrennöfen, Lehmhäusern, auf deren Balkon das Fleisch oder Maiskolben zum Trocknen aufgehängt sind und an weiss verputzten Häusern mit blau-schwarzen Bemalungen. Wir spüren die vergangenen strengen Tage in den Beinen und die hügelige Strasse will kein Ende nehmen. In Jingong strampeln wir quer durch die Stadt. Wir hätten gerne ein Hotel an verkehrsarmer Strasse, damit es nicht so laut ist. Wir werden fündig, schauen uns Zimmer an, verhandeln den Preis, packen alle Taschen ab und werden plötzlich mit einem «mei you» (in diesem Fall soviel wie, «ihr dürft doch nicht hier schlafen») weitergeschickt. Nachdem sich diese Geschichte wiederholt, müssen wir erstmal unsere Energiereserven auffüllen. Da helfen ein paar Dumplings, die wir bei einem Strassenstand erstehen. Dann fahren wir zur grossen Strasse und zum einzigen auf unserer Karte eingezeichneten Hotel. Und siehe da, dies scheint die richtige Strategie zu sein: Hier dürfen sie uns beherbergen!
Mit einer Suppe zum Frühstück starten wir in den heutigen Tag. Die gibt es im offenen Restaurant um die Ecke. Es ist nicht viel mehr als eine Garage; blaue Plastikstühle stehen an den kleinen Tischchen. Darauf gibt es Essig und eine Chilisauce zum Nachwürzen sowie Stäbchen. An der Wand hängt das Menü und ein Plakat des Hygieneamtes. Ein Smiley zeigt die Note. Meist weint es, wenn man Glück hat, so schafft es einen gleichgültigen Ausdruck. Die Lachenden sind, so scheint es, den teuren Restaurants vorbehalten. Oder denen, die ihr Weinendes einfach überklebt haben. Hinten im Raum sieht man in die Küche. Überall stehen Töpfe und Zutaten, Öl gibt es in 10L-Flaschen. Der Suppentopf steht dampfend zuvorderst an der Strasse, sodass man das Restaurant gut erkennen kann. Hier im Yunnan wird die Suppe als Bausatz angeboten: Aus dem Topf kommen nur Nudeln und die Bouillon, danach nimmt man seine Schale zum separaten Tisch, wo man die Suppe mit weiteren Zutaten wie Kräutern, Frühlingszwiebeln, Sesam und vielen Saucen nach belieben verfeinern kann. Wir haben keine Ahnung, was wie schmeckt und es kommt oft vor, dass uns die Köchin beim Auswählen und vor allem beim Dosieren hilft.
Unterwegs finden wir eine Konditorei, wo es für wenig Geld herzhafte Kuchen und feines Gebäck gibt. Sabine würde am liebsten die Backstube stürmen und mithelfen. 
Hier durchfahren wir immer wieder kleine Dörfer die von der Landwirtschaft leben. In einem werden wir mit einer unkonventionellen Art des Korn-Dreschens bekannt gemacht: Das Getreide wird auf der Strasse ausgelegt und man lässt die Autos darüber fahren. Nach dem Zmittag passieren wir Erdbeerfelder und kaufen einen Sack der super süssen Beeren. Sie geben uns Energie und Motivation, um dem Gegenwind zu trotzen.
In Weishan gönnen wir uns einen Ruhetag. Die restaurierte Altstadt hat ihre Ursprünge im 7. Jahrhundert, als sie zur Zeit des Nanzhao Königreich gegründet worden ist. Im 8. und 9. Jahrhundert war hier ein wichtiger und wohlhabender Handelsplatz. Als erstes entdecken wir das Nord-Tor. Es steht auf einem grossen Platz und ist das Zweitgrösste Chinas. Es stellt ein imposantes Mauerwerk dar, welches den Eingang zur Altstadt bildet. Ein Pavillon im chinesischen Stil steht oben drauf.
Mit dem Untergang des Nanzhao Königreiches hat Weishan zunehmend an Wichtigkeit verloren und erst wieder im 14. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen, als es zu einem militärischen Aussenposten für die Ming-Dynastie geworden ist. Die mit Pflastersteinen besetzte Strasse, die von Nord nach Süd führt, wird mit jahrhundertenalten Häusern gesäumt. Sie sind aus einem Materialmix aus Holz, Lehm- und Dreckziegel gebaut. Zudem sind sie reich an Details: Geschnitzte Holztüren und -balken, mit einfachen Mustern bemalte Wände und Ziegel mit verzierten Abschlüssen zum Dachrand hin. Neben einigen teuren Cafés und wenigen Souvenirshops finden sich noch immer viele lokale Geschäfte, wie Coiffeursalons oder Nudelhersteller, in der Altstadt. Einheimische treffen sich hier auf einen Tee zu Brett- oder Kartenspielen.
Ca. 25km nördlich von Weishan machen wir einen Abstecher nach Dong Lian Hua. Das muslimische Dorf hat sich herausgeputzt. Neben einer faszinierenden Moschee aus Holz in seiner Dorfmitte, bestaunen wir schön bemalte Fassaden, aus Holz geschnitzte Türen und grosszügige Innenhöfe.
Dali lassen wir links liegen, da wir das Ostufer des Erhai-Sees fahren wollen. Schöne Abschnitte wechseln sich mit vielen Bauruinen und Luxushotels ab. Die Überwachung nimmt ein extremes Ausmass an: Während normalerweise bei jeder Ortsein- und Ausfahrt ein Foto von jedem Verkehrsteilnehmer geschossen wird, steht hier ca. alle 500m eine Kamera. Viele chinesische Touristen umfahren den See auf Motorrädern, Quads oder Elektroscootern. Letztere sind aber zu schwach für zwei Passagiere und müssen reihenweise die Hügel hochgeschoben werden.
Der See ist eine beliebte Fotokulisse für Hochzeitsbilder. Überall werden die schön zurechtgemachten Paare geshootet. Pro Brautpaar gibt es einen Fotografen, mindestens einen Blitz-Gehilfen, eine Frau, die für die Braut zuständig ist, sowie einen Fahrer. In einer Bucht, die wir als unseren Übernachtungsplatz auserkoren haben, wimmelt es nur so von Paaren. Und: Die Mädels in ihren langen weissen Hochzeitskostümen haben Ausdauer. Beim Eindunkeln um halb acht Uhr fährt endlich das letzte Auto weg und wir geniessen den Abend direkt am See.
Bei Nuijie nehmen wir eine kleine Strasse über den Hügel. Hier fehlt die Überwachungskamera, dafür stehen 3 Männer am Strassenrand und man muss sich in eine Liste eintragen. Unter die chinesischen Zeichen kritzeln wir: «Sämy & Sabine»; die Passnummer wissen wir gerade nicht auswendig; Zeit: «09:15». Das sollte reichen. Die Männer nicken zufrieden. Zuerst steigt die Betonplatten-Strasse ganz schön steil, dann flacht sie aber ab und wird zur Dreckstrasse. Es ist ein wunderschöner Abschnitt ohne jeglichen Verkehr. Natur pur.
Die Abfahrt führt durch dichten Kiefernwald, der mit lila Blumen durchsetzt ist. Sie ist erst holprig, dann sausen wir abermals auf Betonplatten durch die leuchtend gelben Rapsfelder nach Shaxi ein.
Shaxi hat eine ähnliche Geschichte wie Weishan und ebenfalls eine schöne Altstadt zu bieten. Sie ist uns allerdings etwas zu touristisch. Wir treffen auf ein paar Westler – die Ersten seit langer Zeit. Ihnen scheint das genauso zu gehen und wir fühlen eine seltsame Verbundenheit. Wir grüssen uns.
Nach einer langen Etappe schlagen wir unser Zelt kurz vor dem Eingang zur Tiger-Sprung-Schlucht am Ufer des Jangtse auf. Der Wecker klingelt heute früh: Um 04:30 Uhr stehen wir auf. Wir wollen die Schlucht durchqueren und schaffen es vor Öffnung des Ticketschalters einzufahren, ohne den saftigen Eintrittspreis bezahlen zu müssen. Wir legen uns neben der Strasse nochmals schlafen bis es hell ist und fahren dann gemütlich die spektakulären 15km. Immer wieder blicken wir steil runter zum rauschenden Jangtse oder rauf zu den schneebedeckten Bergen. Angeblich ist sie mit einem Höhenunterschied von 3’900m die tiefste Schlucht der Welt; und nach dem Nil und dem Amazonas ist der Jangtse mit 6’380km der drittlängste Strom der Erde. Der Legende nach soll ein Tiger den Jangtse an seiner engsten Stelle über einen Felsblock in der Flussmitte mit zwei Sprüngen überwunden haben. Dabei hat er seinen Jäger abgehängt und der Schlucht ihren Namen gegeben.
Das Wetter ist verhangen und der Wind bläst uns kalt um die Ohren. Am Ende des Einschnitts ist der Blick vom Fluss zu den Gipfeln nochmals spektakulär. Wir können uns kaum satt sehen an den hohen Bergen, die wir in Südostasien so vermisst haben!
Der Nebel hängt kurz nach Haba immer noch tief, doch auf der anderen Seite des Passes ist das Wetter dann freundlicher und wir geniessen die Fahrt durch herzige Bauerndörfer und imposante, in Terrassen angelegte Felder. Es riecht fein nach Getreide und Raps. Hin und wieder zeigt sich ein schneebedeckter 5000er. Wir kommen am Mittag in Bai Shui Tai an und während Sämy das Velo wartet, nimmt es Sabine gemütlich und schläft etwas in der warmen Sonne. Später besuchen wir die beeindruckenden Kalkwasserbecken. Gerade wird ein neues Besucherzentrum gebaut: Eine Anlage mit etlichen Parkplätzen und künstlichen Becken, die grösser sind als die Natürlichen. Ganz im chinesischen Stil. Mit den letzten Sonnenstrahlen und einigen mit profimässiger Fotoausrüstung ausgestatteten Chinesen geniessen wir die farbigen Becken. Grün, türkis und gelb schimmert das Wasser in den schneeweissen Bassins, die stufenweise übereinander liegen. Für die hier lebende Naxi-Minderheit sind die Becken ein heiliger Pilgerort. Als wir auf die Hauptstrasse zurückkommen, werden vor einem Schrein gerade Hühner geopfert. Es wird ihnen die Kehle aufgeschlitzt und ihr Blut in eine Schale gegossen. Das noch zuckende Huhn wird danach einfach in einen Eimer geworfen…
Die Fahrt durch die Nadelwälder ist wunderschön. Unglaublich, wie viele Bäume hier auf einer Höhe von knapp 4’000 m.ü.M. wachsen. Kurz vor dem Pass suchen wir bei ein paar Stallungen Schutz, essen Nudelsuppe und schauen dem Schneegestöber zu.
Auf der anderen Seite des Passes befinden wir uns in einer anderen Welt: Auf den kargen Wiesen weiden neben Pferden und Schweinen nun auch zottelige Yaks, Kartoffeln werden in den Boden gesetzt und bunte Gebetsfahnen flattern im Wind. Ausser den 4-5 Strommasten-Linien, die typisch für China sind, erinnert uns das Tal stark an Kirgistan. Hier beginnt das Gebiet der Kham-Tibeter. Meist sind ihre riesigen Häuser umgeben von einer hohen Mauer, sodass wir nur den oberen Stock und das Dach sehen. Manchmal können wir einen Blick durch das Tor erhaschen oder bei den Baustellen die Bauart beobachten: Im unteren Stock, der etwa zwei Etagen hoch ist, werden dicke Baumstämme als Säulen verwendet, dazwischen wird Lehm mit Holzstösseln zu Wänden gepresst. Hier wird das Vieh untergebracht. Darauf kommt ein Stock wo die Leute leben; ein Plumpsklo klebt an der Aussenwand in 6m Höhe. Dann eine halb-offene Etage wo Heu oder die Ernte getrocknet wird. Das Holz der Trägerbalken ist mit detaillierten Mustern geschnitzt und zum Teil sogar farbig bemalt. Ein echtes Kunstwerk!
Den ganzen Tag ist das Wetter wechselhaft und winterlich kalt. Wir sind froh, in Shangri-La (Dêqên) anzukommen. Bis im Jahr 2001 hat die hauptsächlich von Tibetern und Naxi bewohnte Stadt «Zhongdian» geheissen. Als die Regierung das Fällen der Bäume verboten hat, hat sich diese Stadt eine neue Einnahmequelle suchen müssen. Die Lösung schien im Tourismus zu liegen: Das tibetische Viertel ist in eine attraktive Altstadt verwandelt und der Ort nach dem fiktiven, buddhistischen Paradies in James Hilton’s Roman «Der verlorene Horizont» umbenannt worden. Im Januar 2014 sind etliche Holzhäuser der Stadt einem Feuer zum Opfer gefallen. Die Regierung hat gehalten, was sie versprochen hat und der Wiederaufbau scheint beinahe abgeschlossen. Hätten wir nichts vom Feuer gewusst, hätten wir vielleicht nicht bemerkt, dass wir in einer der neuesten Altstädte der Welt stehen.
Wir finden ein gemütliches Hotel neben einer Bäckerei, wo wir natürlich sogleich einkaufen. Später holen wir uns noch ein paar Dumplings gegenüber. Nach der heissen Dusche schlüpfen wir müde unter die schwere Decke, schalten die Wärmematte ein und kommen bis zum nächsten Morgen nicht mehr aus dem Bett.
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Heute ist Sonntag und wir sehen die Leute in den Familien zusammensitzen – wie wir das Zuhause tun. Die Schere zwischen arm und reich scheint uns nahe zur thailändischen Grenze deutlich sichtbar. In den Dörfern mit einfachen Bambushütten stehen auch immer wieder einige zweistöckige Häuser. Die Infrastruktur ist auch in dieser Gegend einfach: Obwohl es Stromleitungen hat, führt oft kein Kabel zu den Hütten. Einige haben Solarpanels, andere scheinen stromlos zu leben.
Am Strassenrand wird eine dunkelgrüne, kornartige Pflanze auf dem Teer ausgeschlagen. Grüner Sand verteilt sich auf der Fahrbahn, ist aber offensichtlich das Abfallprodukt. Wir rätseln lange, für was die Büschel wohl gebraucht werden? Bis ein Strassenverkäufer seine handgefertigten Besen feilhält. 
Dank kurzen Etappen, kommen wir jeweils früh an. Wir finden ein herziges Bambus-Bungalow und sagen nach der Besichtigung zu. Die Dame besteht aber darauf, dass wir auch noch einen Blick auf den kleinen Balkon werfen. Na gut. Und wir trauen unseren Augen kaum: Da hängt tatsächlich eine Hängematte! Unsere Erste auf der ganzen Reise! Sie wird sogleich für ein Nachmittagspfüüsi von Sämy in Beschlag genommen.
Zum Zmittag finden wir in den kleinen Dörfern nichts. In den rudimentären Läden gibt es wenig brauchbares und so fragen wir nach Reis. Aus dem hauseigenen Topf werden uns rasch zwei Säckli Klebreis abgefüllt. Mangels Alternative gibt es abends und zum Frühstück oft Nudelsuppe.
An einem Morgen werden wir aber fündig: Vor einem Shop werden Reisfladen und frittierte Bananen verkauft. Da schlagen wir zu und verspeisen die Köstlichkeiten im Resort im Garten. Es setzt sich Sak zu uns. Er präsentiert sich im weissen Hemd und ist parat für die heutige Hochzeit. Wir wissen bereits davon, denn schon um 6 Uhr plärrten Glückwünsche aus den Lautsprechern. So etwa zwanzig Minuten schallt eine monotone Stimme durchs Morgengrauen. Dann Musik. Wir drehen uns nochmals auf der harten Matratze. Dann übernimmt für eine Viertelstunde eine Frauenstimme. Wieder Musik. Es geht so weiter bis um acht!
Sak spricht etwas Englisch und erklärt uns die Situation: Er hat gestern seinen Manager für das bevorstehende Hochzeitsfest hierhin gefahren. Den heutigen Tag wird er mit Essen und vorallem Trinken verbringen. Als Geschenk hat er, wie hier anscheinend üblich, ein paar Geldscheine dabei. Es wird ein grosses Fest werden. Schon gestern haben wir die Dorfbewohner bei den Vorbereitungen beobachtet: Unter einem riesigen Zelt werden zig runde Tische und Stühle aufgestellt. Und die Frauen rüsten bereits das Gemüse. «Wie uns Bierlao schmeckt?», will Sak wissen. «Besser als die thailändische Konkurrenz!». Natürlich lädt er uns danach prompt zu den Festivitäten ein. Wir wollen jedoch weiter und lehnen dankend ab.
Wir erreichen Luang Namtha. Die Ortschaft hat keine lange Geschichte. Sie ist im Geheimen Krieg von den Amerikanern vollständig zerbombt worden. Es scheint, als hätten die Bewohner Geld für den Wiederaufbau erhalten. So steht ein protziges Haus neben dem Nächsten. Das Städtchen hat nicht viel Charme und es fällt uns schwer, eine sympathische Bleibe zu finden. Dann werden wir in einem riesigen Teakholz-Hotel fündig. Direkt nebenan befindet sich ein herziges Lokal. Sämy versucht seine Erkältung auszukurieren und wir werden zu Stammkunden. Zu etlichen Siedler-Partien gibt es Kaffee, Kuchen, Tee, Bier zum (abgesprochenen) Ladenpreis und gratis Trinkwasser vom Spender. Letzteres ist in Laos gar nicht so einfach zu finden. Vom Hahn sollte man eher nicht trinken, im Laden findet man aber nur 1.5l-Flaschen. Die Laoten werden direkt mit 20-Liter Kanistern beliefert und die Bergquellwasser-Alternative geht für uns schnell ins Geld. So streunen wir oft mit unseren leeren PET-Flaschen durch die Strassen, bis wir einen ebensolchen Wasserspender in einer Apotheke, Restaurant oder Metzgerei erblicken. Wir zeigen auf eine unserer Flaschen und werden sofort zum Trinkwasser geführt. Dann packen wir noch zwei weitere aus dem Rucksack und bedanken uns bald herzlichst. 
Nach ein paar Ruhetagen fahren wir weiter in Richtung chinesische Grenze. Am Mittag erreichen wir unseren ursprünglich geplanten Etappenzielort Nateuy. Wir entscheiden uns, noch etwas weiter zu fahren. Der LKW-Verkehr nimmt bald zu und die Luft ist wegen einer kilometerlangen Baustelle von Chinapower staubig. Unterwegs klappern wir ein paar Unterkünfte ab, aber fahren wegen den happigen Preisen jeweils gleich weiter. Nach einer Schranke sind wir im zollfrei-Gebiet. Es fühlt sich wie ein Grenzübertritt an, denn es ist nun alles bereits chinesisch. Nach ein paar weiteren staubigen Kilometern erreichen wir Boten und sind erst mal schockiert. Da stehen riesige Hochhäuser vor uns. Viele am Zerfallen, diverse andere noch im Bau. In wenigen Jahren werden wir die Stadt wohl nicht wiedererkennen. Mit hunderten Bulldozern wird neben einem riesigen Staudamm auch ein Naturpark aus dem Boden gestampft. Wohlhabende Chinesen sollen hier ihr Geld in Parfums und modische Taschen investieren.
Im schicken Hotel werden wir mit «nihao» begrüsst und dann auch gleich wieder weggeschickt. Im Zweiten steht die kalte Nudelsuppe noch im Topf und die 300 chinesischen Yuan (~50 CHF) für ein Zimmer stellen für unser Budget eher so eine Woche an Unterkünften dar. Ansonsten finden wir nichts. Was nun? Sollen wir unser Zelt irgendwo aufschlagen? Irgendwie ist uns das in der Grenzregion zu heikel. Heute ist einer der wenigen unangenehmen Tage unserer Reise, an welchem wir keinen «richtigen» Übernachtungsplatz finden. So fahren wir nochmals 6km zurück, wo wir für gleichviel wie eine Nacht im gemütlichen, mit Wifi ausgestatteten Hotel in Luang Namtha ein bescheidenes Zimmer finden. Nett oder freundlich erscheint uns hier niemand. Als wir vom Essen zurückkommen, ist das ganze Dorf eine einzige Party – oder eher Rotlichtmilieu.
Wir sind froh, am nächsten Morgen aus dieser komischen Gegend wegzukommen und strampeln erneut Richtung Grenze. Bald haben wir den laotischen Ausreisestempel im Pass und fahren durch den goldenen Torbogen. Nur wenige Meter durchs Niemandsland und wir erreichen voller Vorfreude etwas nervös das protzige, chinesische Grenzgebäude.
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Am frühen Nachmittag fahren wir in die Stadt ein. Zu Fuss geht’s zum nahegelegenen Flughafen um Sabines Mama in Empfang zu nehmen. Wie gut es tut, nach so langer Zeit wieder einmal die Mama zu drücken! Kaum im Hotel werden die Mitbringsel übergeben und wir geniessen freudig ein, zwei (oder mehr
) Stückchen Lindtschoggi und die superfeinen Wiehnachtsgutzli von Sämys Mami. Mmmmmh, einfach herrlich!
Nach zwei Regentagen machen wir uns auf in Richtung Nordwesten. Mama Marianne auf dem Scooter und wir zwei mit Leichtgepäck. Da wir wissen, dass uns eine anstrengende Runde erwartet, beschliessen wir, nur das Notwendige mitzunehmen und den Rest im Hotel einzustellen. Die ersten ca. 30km fahren wir gemeinsam. Dann wird es allmählich hügeliger und Marianne zieht davon. Die Strasse windet sich in Serpentinen den Berg hoch und wir geniessen das leichte Unterwegssein: Es geht zwar steil bergauf, doch merken wir, wie wir uns mehr Gepäck gewohnt sind und können richtig Gas geben.
Beim Zmorgen im Resort gibts – dem westlichen Inhaber sei Dank – seit Zentralasien zum ersten Mal wieder frisches Brot. Mmmmh, so was feines! Dann können wir es fürs Erste sausen lassen. Wir frieren etwas, zeigt das Thermometer wohl nur wenig über 10 Grad. Bald steigt die Strasse aber schon wieder, wir fahren durch saftig grünen Wald, passieren unzählige Hügel und erreichen einen Pass auf 1370m.ü.M. Wir befinden uns inmitten von Föhren und so duftet es herrlich nach Sandelholz. Die Abfahrt gehen wir langsam an. Der Sturz in Laos sitzt uns beiden noch in den Knochen. Zudem sind die Kurven vielerorts so steil und eng, dass wir ständig bremsen müssen. Auch der Kurvenradius ist oft nicht konstant und so spickt es Sämy einmal fast in die Wasserrinne. Kurz vor der Ankunft in Pai statten wir einem Canyon einen Besuch ab. Durch Erosion sind nur noch vereinzelt dünne Erdwände in der Landschaft stehen geblieben. Die auf der gelb-rötlichen Erde stehenden grünen Teak- und Nadelbäume geben ein beeindruckendes Bild ab. Zum Znacht geniessen wir einen köstlichen Fisch in Salzkruste mit Reis und Papaya-Salat. Mit einem Bier und frisch gepresstem Fruchtsaft lassen wir den Abend bei Livemusik im Hostel ausklingen.
Wir ziehen auch heute vor Marianne los, da ein langer Aufstieg zur Passhöhe auf 1390m.ü.M. auf uns wartet. Nicht der Höhenunterschied, aber die Steilheit der Strasse fordert uns richtig heraus. In den ganz engen Kurven beanspruchen wir die ganze Strasse für uns. Diese schlängelt sich ohne gross auszuholen den Berg hoch. Die Kurveninnenseite wird für uns zu steil. Aber auch aussen geht es zum Teil so bergauf, dass es uns wegen fehlenden Vordertaschen die Vorderräder vom Boden lupft! Wo immer wir können, nehmen wir der Strasse im Zick-Zack über beide Spuren etwas die Steilheit. Zum Glück hält sich der (Gegen-)Verkehr in Grenzen.
Bald ist es geschafft und wir rollen am frühen Nachmittag in Soppong ein. Hier legen wir einen Ruhetag ein, an dem wir ausschlafen, die Velos flicken und dann zur Höhle Tham Lod fahren. Ein Guide führt uns durch die Kammern und erkennt in diesem Stalaktit ein Krokodil, da einen Buddha und hier einen Affenkopf. Phantasie hat er zweifelsohne. Und ein Schnellzug ist er auch. Gerne schauen wir manchmal etwas genauer hin oder erkunden noch etwas weiter, als wo seine Öllampe hinleuchten mag. In die Höhle Nummer 3 nehmen wir das Bambusboot. Überall liegt Kot und es beginnt übel zu stinken. Die hier heimischen Fledermäuse machen einen ohrenbetäubenden Lärm. Nach ein paar besichtigten Holzsärgen, die seit fast 2000 Jahren da liegen, kehren wir auch schon wieder um. Gerade rechtzeitig können wir am Ausgang das beeindruckende Spektakel beobachten, wie abertausende Mauersegler für die Nacht in die Höhle zurückfliegen. Sie ziehen davor alle dieselbe grosse Kurve und auch die Eingangshalle verwandelt sich in einen richtigen Vogel-Tornado mit lautem Gekreische!
Am Dienstagmorgen ist Markt in Soppong und so kaufen wir uns unser Frühstück da zusammen. Das Angebot ist riesig: Von frischen Früchten und Gemüse über zubereitete Gerichte zu Alltags- und Pflegeprodukten und Schuhen und Kleidern gibt’s alles. Auch bunte Trachten der Bergvölker können erstanden werden. Sie sind in feiner Handarbeit mit kunstvollen Stickereien verziert. Der Markt zieht jeden Tag in eine andere Ortschaft, wo die Bewohner entlegener Dörfer ihre Produkte, meist aus der Landwirtschaft, verkaufen. Gleichzeitig bringen sie auch einen grossen Sack Reis oder etwas Fisch nach Hause. Bereits um 7 Uhr früh herrscht reger Betrieb. Bei vielen Verkäufern und Besuchern blitzt unter dem übergrossen Pulli traditionelle Kleidung hervor. Überhaupt kleiden sich die Menschen äusserst kreativ: Es ist noch frisch am frühen Morgen und so bindet man sich gerne ein Badetuch um den Kopf, trägt Mützen mit angenähten Bärenohren oder Socken mit Entenmotiv in den Sandalen. Hauptsache, es passt nichts zusammen.
Dann geht’s weiter nach Mae Hong Son. In den Wäldern riecht es blumig und der Schatten macht die Hitze erträglicher. Ein Blick über die Felder und uns wird klar: Landwirtschaft ist hier Handarbeit. Die Traktoren und Raupenreismähdrescher, die wir in den flachen Gebieten im Osten Thailands gesehen haben, gibt es hier nicht. Thais auf Scooter und hin und wieder auch in Autos hupen und zeigen uns mit einem grossen Lachen im Gesicht den Daumen nach oben. Steht Marianne mal auf uns wartend am Strassenrand, halten immer wieder total freundliche und hilfsbereite Leute und fragen, ob alles ok sei.
In Mae Hong Song machen wir einen Tag Pause. Wir besichtigen ein paar Tempel, die in dieser Region – so nah zur burmesischen Grenze – oft aus Holz, mit übereinander gestapelten Schrägdächern und filigranen Rändern geschmückt sind. Einer dieser Tempel steht auf dem Hügel hoch über der Stadt. Von da haben wir eine wahnsinnige Aussicht über das Tal und auf der anderen Seite das grüne Loi Lar Gebirge, welches Myanmar von Thailand trennt.
Nach Mae Hong Son ist das kleine, verschlafene Khun Yuam unser nächster Zielort. Zirka 30km vor Mae Sariang biegen wir zur Kaew Komol Kristallhöhle ab. 30m in der Tiefe ist es schwül-heiss und die 435-500 Millionen Jahre alten Kalzitsteine glänzen und glitzern nur so um die Wette. Die Formationen der Minerale sind in den diversen Kammern unterschiedlich und erinnern an Blumenkohl, Korallenriffe, Schneeflocken oder Blumen. Zum Glück führt uns ein Taxi zum Höhleneingang, denn wir fahren die wohl (vorerst) steilste Strasse Thailands hoch.
Die Landschaft verändert sich heute ständig: Von steppenartigen halboffenen Gebieten, braunen Feldern und grün bewaldeten Hängen bis zu Pinienwäldern. Wir machen Halt bei den Thep Phanom Hot Springs. Bei dieser Hitze mögen wir allerdings nicht ins heisse Wasser steigen. Wie «richtige» Thais kaufen wir uns aber drei Eier, die wir in einem der Becken im Bambuskörbchen kochen und anschliessend mit Soja-Sauce geniessen. Mae Chaem ist unser letzter gemeinsamer Etappenort. Hier müssen wir uns von Mama Marianne verabschieden. Während wir eine Pause benötigen, geht’s fürs sie zurück nach Chiang Mai. Viel zu schnell sind die paar Tage vorbeigegangen. Gerade hat man sich so richtig an die neue Reisegruppe gewöhnt, sind wir wieder alleine.
Die Steigung Richtung Doi Inthanon legen wir zum Glück fast vollkommen im schattigen Wald zurück. Aber trotzdem ist sie steil und hart und Sabine trotz zwei Ruhetagen nicht fit. So nimmt Sämy auch noch ihre Taschen und erklimmt die 1000 Höhenmeter mit fast Normalgewicht. Er realisiert, wie hart der Loop ohne Materialdepot in Chiang Mai gewesen wäre…
Mit Rückenwind geht’s flott zurück nach Chiang Mai. Nach diesen strengen Tagen in den Bergen sind die Batterien erstmal leer. Eine Massage bringt kurzzeitige Besserung, sodass wir uns – nun wieder vollbeladen – in die nächste Hügelkette wagen. Der Beginn ist gemütlich, richtig schön schleicht sich die Strasse langsam den grünen Jungle hoch. Doch plötzlich ist fertig lustig: Immer kürzer werden die Intervalle zwischen den supersteilen Abschnitten. Die Strasse ist schmal, es hat viel Verkehr und daher ist das Zick-Zack-Fahren nicht so einfach. Nach dem letzten Dorf (welches voll mit asiatischen Touristen ist und wir den Grund dafür nicht verstehen), hat es endlich nicht mehr viele andere Verkehrsteilnehmer. Weihnachtssternsträucher säumen den Wegrand und zeitweise duftet es wie in einem Massagesalon. Es wird langsam Abend, wir werden müde, die Strasse steiler. Irgendwann müssen wir absteigen und unsere Velos schieben. Dann schaffen wir auch das nicht mehr und helfen uns gegenseitig die Räder auf den Berg zu kriegen! Die Thais spinnen! Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir den höchsten Punkt und erhalten als Belohnung eine wunderbare Aussicht über die in orangetöne-getünchte Landschaft.
Am Abend finden wir eine tolle Unterkunft. Die Familie ist supernett und obwohl wir uns wegen der Sprachbarriere nicht gross austauschen können, herrscht eine gemütliche, fröhliche Stimmung und wir werden prompt zum Znacht eingeladen. Jeder erhält einen Teller Reis und kann sich von den vielen feinen Gerichten, die auf dem Tisch stehen, aussuchen, was ihn gerade gluschtet. Ein Bier finden wir im nahegelegenen Ort, chauffiert werden wir im uralten Chevrolet-Schlitten. Und kaum schauen wir am nächsten Morgen aus unserem Bambushüttli, ruft Chai: «Come, coffee!». Dazu gibts dann noch frittiertes Poulet und Reis, welches er als Nebenverdienst am Strassenrand verkauft. Solche Begegnungen haben wir sehnlichst vermisst und es war so schön, für einen kurzen Moment mittendrin in einer Thai-Familie zu sein. Es sind diese Erlebnisse, wo uns für ein paar Stunden eine wildfremde Tür geöffnet wird und wir einen ganz normalen Abend mit einer Familie verbringen dürfen, die unsere Reise so sehr bereichern. Wir werden für einen Augenblick zu «Locals». Hier in Thailand fühlen wir uns sonst als Touristen, die sich das Land wie in einem Vergnügungspark von Aussen ansehen. Die Türen bleiben oft leider verschlossen.
Wir fahren weiter, immer südwärts, mit ein paar Zwischenstopps bei Sehenswürdigkeiten, die wir uns auf der Karte markiert haben. Die Ruinen von Si Satchanalai besichtigen wir mit vollbeladenem Velo. In Sukhotai geniessen wir die Fahrt durch verfallene Tempel und Steinhaufen, die sich auf 45 Quadratkilometern verteilen, ohne Gepäck.
Sabines Energiereserven sind jeweils im Nu aufgebraucht und da sieht sie Sämy nur noch von hinten… Gut, ist ein Eiskaffee oder feines Essen nie weit und so gibt’s immer mal wieder für ein paar Münzen eine Tüte frisch frittierte Bananen, Süsskartoffeln oder Klebreis im Bambusrohr zur Motivationssteigerung. Unsere Route führt uns durch kleine Teakhausdörfer und wir wissen langsam, Thais mögen es gerne laut. Sei es in einer Karaokebar, einem offenstehenden Auto oder der Radio, der in den Ortschaften aus den an Strassenlaternen montierten Lautsprechern plärrt. Immer wieder überholt uns ein Pickup – die Ladefläche voll mit Boxen – und mit ohrenbetäubender Lautstärke wird im Schritttempo für z.B. den nächsten Thaibox-Wettkampf geworben. Dann fährt uns ein Gebetsbus, gefüllt mit in orangen Roben gewickelten Mönchen, für zehn Minuten hinterher. Dabei werden die Felder natürlich mit Meditationsmusik beschallt. 
Wir machen einem Abstecher an den Eisenbahnmarkt Mae Klong. Hier führen die Zuggleise mitten durch die Frucht- und Fischstände. Fährt ein Zug ein, werden die mobilen Auslageflächen rasch zurückgezogen, bis wenige Sekunden später wieder Normalbetrieb herrscht. Danach fahren wir wegen Mangel an bezahlbaren Unterkünften und Campingmöglichkeiten unfreiwillig 148km nach Phetchaburi. Wir erreichen die Ortschaft erst spät Nachts und pausieren für zwei Tage. Hier entdecken wir diverse Süssspeisen. So schlagen wir uns die Bäuche voll mit Looktan Cheum (kandierte Palmkerne), Khanom Tarn (Pudding aus Palmzucker), Takoh (Kokosnuss-Creme-Gelee) und vielem mehr. Mmmmh..!
Unsere Route führt uns auf bester Strasse durch herzige Fischerdörfchen – wo die Fische in der Sonne trocknen, Nationalparks mit beeindruckenden Kalksteinfelsen, Nadelwälder, grüne Ölpalmen- und Ananasplantagen und, nur wenige Meter vom Strand entfernt, dem Meer entlang. Die Vorfreude auf Strandferien wächst und nach ein paar langen Etappen sind wir definitiv reif für die Insel! Wir setzen mit der Fähre nach Koh Pha Ngan über.
Dank Geheimtipp unserer Luang Prabang-Freunde Marine und Axel finden wir im Nordwesten gemütliche Bungalows. Hier frönen wir ein paar Tage dem Nichtstun: Wir liegen am Traumstrand, kühlen uns im Meer ab, bewundern schnorchelnd die Wasserwelt des nur wenige Meter vom Strand entfernten Korallenriffs, spielen «Siedler von Catan» und schnappen uns hin und wieder eine Kokosnuss, die gleich hinter unserem Bungalow zu Boden fällt. Zudem schmieden wir Pläne. Wir sind uns einig, so geht’s nicht! Wir fahren hier von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Das Velofahren dazwischen ist mehr nur Arbeit. Keine Wahnsinnsaussichten, wenige Begegnungen mit Einheimischen, keine unglaublichen Landschaften. Veloferien in Thailand (vielleicht in ganz Südostasien?) ist nicht so unser Ding und wir denken etwas wehmütig an die abenteuerlichen Tage zurück. Ob die Grenze von Myanmar nach Indien offen ist, ist unklar. Wahrscheinlich nicht. Und diese Ungewissheit lässt nicht so richtig Motivation für die noch vor uns liegende Strecke aufkommen. Es fällt uns nicht leicht, von unserem ursprünglichen Ziel abzuweichen. Aber wir müssen uns etwas einfallen lassen!
Mit Fähre, Zug und Bus geht es schliesslich in 36 Stunden via Bangkok nach Chiang Mai zurück. Und dort aufs chinesische Konsulat. Vier Tage müssen wir uns gedulden, bis endlich das Visum in unserem Pass glänzt. Jetzt haben wir einen konkreten Plan: Es geht heimwärts! Wir nehmen den Bus in den herzigen Grenzort Chiang Khong, wo wir ein letztes Mal alle Vorzüge eines thailändischen Dorfes geniessen. Mit Cocktails stossen wir bereits jetzt auf unser einjähriges Reise-Jubiläum an. Am letzten Tag unseres Thai-Visums fahren wir endlich wieder Velo, an die Grenze und über die altbekannte «Friendship-Brücke 4» zurück nach Laos.
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Sie liegt direkt am Mekong und somit unmittelbar an der Landesgrenze. Wir pedalen in die Altstadt im Zentrum. Leider ist davon nicht mehr viel übrig; steht nun an jeder Ecke ein prunkvolles Hotel, ein Restaurant mit westlichem Menü oder eine Reiseagentur, die mit Elefantensafaris wirbt. Uns ist bewusst, dass viele Touristen in Südostasien unterwegs sind, zumal jetzt Hochsaison ist, doch ist es hier das erste Mal, dass wir das Ausmass zu Gesicht bekommen. In den Strassen wird vor und hinter uns Englisch gesprochen, Jungs in ärmellosen Shirts lassen sich Tattoos stechen und Mädchen quetschen sich in Hotpants. Laoten trifft man nur als Personal und hinter Strassenständen an.
In den nächsten Tagen besichtigen wir die Stadt: Es gibt einige alte Tempel, einen Nachtmarkt direkt am Fluss und eine Art Champs-Elysée mit Arc de Triomphe. Letzterer ist mit der amerikanischen Beton-Spende, die eigentlich für ein neues Flugfeld gedacht war, gebaut worden.
Zudem geniessen wir in einer einfachen aber herzigen Sauna im Wald ein Kräuter-Dampfbad und anschliessend eine einstündige Lao-Massage.
Am Abend suchen wir etwas zum Znacht. Das ist hier einfacher als in Thailand: Die Strassenrestaurants haben in Vientiane einiges länger offen als im Nachbarsland. Wir wollen zum Food-Market. Unterwegs winkt uns ein Laote an einer Strassenecke zu sich. Er sitzt da auf seinem Plastikstuhl und bestellt sich gerade eben ein neues Bier im Markt nebenan. Der Tisch ist bereits mit unzähligen leeren Flaschen bedeckt – ein Franzose hockt auch schon da. Das Bier wird gleichmässig auf die Gläser verteilt und der Ladenbesitzer setzt sich gleich zu uns. Wir bleiben hängen und helfen mit, den Tisch mit weiteren Flaschen zu füllen. Der Laote Udon spricht fliessend französisch, hat Laos doch bis 1953, 70 Jahre lang Französisch-Indochina angehört. Zudem kann er etwas Englisch, was Sämy ganz recht kommt…
Dann zückt er ein kleines Bambusrohr aus seiner Jackentasche, klopft vorsichtig etwas heraus und steckt es sich in den Mund. Das nächste Mal streckt er das Unbekannte zwischen seinen Fingern uns entgegen. Es ist ein Insekt, welches offensichtlich noch am Leben ist. Sabine zögert etwas und prompt entflieht der Käfer in die Freiheit. Die Aufregung ist gross, doch keine zehn Sekunden später hält Sabine den Nächsten in der Hand. Jetzt gibt es kein Zurück mehr und schwupps verschwindet das Insekt im Mund. Es knirscht leise und zerplatzt zwischen den Zähnen. Und dann verbreitet sich ein kaum beschreibbarer Geschmack: Die Mischung aus würzig, minzeartig-erfrischend überrascht uns total. Sobald der Geschmack abklingt, wird mit Bier nachgespült. Herrlich! Irgendwann löst sich die lustige Runde auf und etwas torkelnd steuern wir dann doch noch ein Strassenrestaurant an. Der Food-Market ist mittlerweilen wieder abgebaut worden.
Am nächsten Tag fahren wir zum Museum der COPE-Hilfsorganisation[1]. Hier erfahren wir so einiges über die Geschichte des Landes – vor allem während des Vietnamkrieges: Laos ist da eigentlich nicht involviert gewesen, bis die USA dem vorrückenden Kommunismus den Kampf angesagt hat. Als Resultat ist die Vietnam-Laos-Grenze von Nord bis Süd auf der ganzen Länge bombardiert worden. Im sogenannten «geheimen Krieg» wird Laos zum meist bombardierten Land der Geschichte – durchschnittlich alle acht Minuten ist eine Bombe abgeworfen worden. Während neun Jahren! Und da dreissig Prozent der ca. 270 Millionen Sprengsätze der Streubomben – sogenannte «Bombies» – damals nicht explodiert sind, bleibt Laos ein riesiges Minenfeld. Schätzungen zufolge sind 80% der Landwirtschaftsflächen verseucht. Unfälle passieren fast täglich. Seit 21 Jahren wird das Land nun gesäubert – hauptsätzlich von ausländischen Hilfsorganisationen finanziert, da das Geld dafür in Laos fehlt. Wie lange es noch geht ist Spekulationssache. Aber ohne Fortschritt der Technik darf noch mit mehreren hundert Jahren gerechnet werden.
Hier in Vientiane wollen wir uns ein neues Visum für Thailand organisieren. Auf dem Konsulat angekommen, trifft uns fast der Schlag: Sind wir uns von zentralasiatischen Botschaften eine Handvoll Visumsbeantrager gewohnt, stehen hier hunderte Menschen in der Warteschlange. Immer wieder betritt eine geführte Tour das Gelände, welche als Komplettpaket von Bangkok mit dem Bus hierher fährt, das Visum beantragt, eine Nacht im Hotel gleich nebenan verbringt und dann sofort wieder zurückfährt. Diese «Visa-Runs» sind sehr beliebt bei Westlern, welche mit einem Touristenvisum defakto dauerhaft bei ihren Thai-Frauen leben. Thailand verändert deshalb auch immer wieder ihre Bestimmungen, begibt sich aber auf eine Gratwanderung zwischen Beschränken unerlaubter Daueraufenthalten und Dämpfung des Tourismus. Zurzeit befinden sie sich in einer Tourismus-Marketing-Phase und verteilen das Zweimonatevisum gratis. So läuft das Prozedere wie am Fliessband ab: Formular in den Pass, Pass in ein Körbchen, Quittung kritzeln, «Nächster bitte».
Eines Tages beim Zmorge steht unerwartet jemand neben unserem Tisch und spricht uns an: «Du bist doch Sabine! Wir verfolgen euren Blog. Ihr seid schon hier?!» Wir sind erst baff, fühlen uns kurz als Weltstars, dann erkennt Sabine ihre Ex-Mitstudentin. So plaudern wir etwas mit Laura und Stefan und verabreden uns zum Znacht mit feinen laotischen Gerichten. Es wird ein gemütlicher Abend, wieder einmal komplett in Schweizerdeutsch.
Die Welt ist klein.
Und dann ist endlich der Moment zum Weiterfahren gekommen! Wir machen uns auf, in Richtung Vang Vieng, etwas weiter im Norden. Unterwegs finden wir am Strassenrand Köstlichkeiten wie Maiskolben, Bambusrohre gefüllt mit süssem Klebreis oder ein Plastiksack voller getrockneten und gesalzenen, ca. 2cm langen Fischen. Wir verspeisen sie als Snack zwischendurch. Uns fällt ein lustiges Phänomen auf: Sobald einer etwas verkauft, verkaufen alle Nachbarstände das exakt selbe, bis einige Kilometer später erst das Angebot ändert. So halten wir bei einem Bushäuschen, wo drei Frauen miteinander plaudern und Mais verkaufen. Sobald wir absteigen beginnt der Konkurrenzkampf, will uns jede ihre Kolben schmackhaft machen. Wir entscheiden uns für die links und sofort quatschen die Frauen wieder normal miteinander weiter.
Wir fahren heute eine lange Etappe, da wir uns mit unserem im Iran angetroffenen Velofreund Jean in Vang-Vieng treffen wollen. Wir kommen kurz vor dem Eindunkeln an und suchen uns eine Unterkunft. Man klärt uns auf, dass heute ungeschickt sei, da ein Musikfestival im Ort stattfindet und alles ausgebucht sei. Weiter ausserhalb des Zentrums habe es aber sicher noch Platz. So vertröstet uns jeder Resortbesitzer und weist uns immer weiter weg von der Stadt. Inzwischen ist es dunkel und ein «im nächsten Ort in 20km gibt es freie Betten!» motiviert uns wenig. Wir geben auf und stellen auf einer kleinen Wiese unser Zelt auf. So klebrig in den Schlafsack zu schlüpfen ist suboptimal, doch sind wir froh, endlich die Augen schliessen zu können. Am nächsten Tag finden wir dann prompt eine Bleibe im Ort und treffen uns mit Jean. Wir haben uns viel zu erzählen und plaudern vom frühen Nachmittag bis um 4 Uhr am Morgen. Ein, zwei Bierchen behalten die Kehle feucht… 
Am nächsten Tag fährt Jean weiter und wir erkunden Vang-Vieng. Eigentlich wäre hier ein superschöner Fleck, direkt am Fluss und mitten in fingerartigen Felsformationen. Doch hat die Stadt eine bewegte Geschichte: Erst ist hier ein amerikanischer Stützpunkt während dem Vietnamkrieg errichtet worden, dann ist sie scharenweise von Hippies besucht worden – die Opiumszene war riesig. In den letzten Jahren ist der Drogenring offiziell gesprengt worden und die Stadt fokussiert sich nun auf Abenteuer-Ferien mit Kanufahren, Klettern oder Höhlenerforschungs-Touren. Und trotzdem bekommt man das Gefühl nicht los, dass unzählige Touristen nur wegen ausgelassenen Partys hier sind.
Über Felder fahren wir durch die Karstfelsen zu einer der dutzenden Höhlen der Gegend. Wir besuchen die riesige Tam Phu Kam auf eigene Faust und springen in den See direkt vor dem Eingang (zumindest jemand von uns beiden
).
Dann geht’s weiter nach Luang Prabang. Eine bergreiche aber wunderschöne Strecke erwartet uns. Wir fahren durch abgelegene Orte, die von der Volksgruppe der Hmong bewohnt werden. Hier wird von der Hand in den Mund gelebt. Jeder baut auf dem Feld für den Eigengebrauch an, besitzt Hühner und im Strassengraben suhlen sich oft dicke, schwarze Schweine. In der Dorfmitte gibt es eine Wasserstelle, an welcher sich zu jeder Tageszeit Frauen waschen. Mitsamt Badetuch schäumen sie sich ein und pflegen ihre langen, schwarzen Haare. Im Eingang der einfachen Hütten sitzt oft Mama am Lausen ihres Kindes. Vielerorts sehen wir auch die Väter mit dem Baby auf dem Arm. Am Morgen «chodern» Männer und Frauen am Strassenrand um die Wette.
Wir kommen durch Orte, in denen gefühlt ausschliesslich Kinder wohnen. Sie rufen in Horden laut «Sabaidee!» und laufen uns lachend hinterher. Bei den Erwachsenen verspüren wir selten solche Lebensfreude. Lächeln wir sie an, bleiben ihre Gesichter meist starr mit einem irgendwie traurigen Ausdruck. Uns fällt auf, dass wir äusserst selten alte Laoten sehen und erfahren später, dass die Lebenserwartung bei gerade mal etwas über 60 Jahren liegt (CH: 82 Jahre)!
In den kommenden Tagen treffen wir oft Kinder bei der Arbeit an: Sei es auf Salat-Feldern oder im Gebüsch neben der Strasse. Den platschvollen Ernte-Sack tragen sie auf dem Rücken, mit den Trägern um die Stirn, barfuss zurück ins Dorf. Man spürt auch die soziale Spannung zwischen den verschiedenen Ethnien, vor allem als uns eines Morgens Bauern im Militärkostüm mit ihren Flinten beim Patrouillieren kreuzen. Oder mit Gewehr am Rücken auf dem Scooter überholen. Wir übernachten gerne in Hotels, da wir von nächtlichen Überfällen gelesen haben – zuletzt gab es einen blutigen Angriff auf einen Touristenbus vor einem Jahr.
Uns ist unangenehm, so als Zollibesucher durch diese arme Gegend zu strampeln. Kommen wir aber z.B. beim Einkaufen mit Leuten in Kontakt, erfahren wir sehr warmherzige, lustige, liebe Menschen. Und die Route erweist sich tatsächlich als äusserst szenisch. Endlich bezwingen wir wieder einmal richtige Pässe mit Serpentinen und werden mit wunderschönen Aussichten über die mit Tälern durchsetzte, jungelüberwucherte Berglandschaft belohnt!
Wir sind nicht die einzigen auf dem Drahtesel, es fahren hier alle Velo: Sei’s zur Schule, um die Ernte vom Feld heimzubringen oder einfach so. Am liebsten mit Schirm, um die Haut vor den brennenden Sonnenstrahlen zu schützen. Ein Auto besitzen die Wenigsten. Wenn motorisiert, dann ist man mit dem Scooter unterweg – meist zu dritt. Oder zu viert. Rekordverdächtig ist die Familie zu fünft – das Baby ist irgendwo zwischen zwei Körper gequetscht.
Wir halten bei einem Resort mit eigener heisser Quelle und schlagen unser Zelt auf. Uns empfängt und bekocht natürlich der ca. 15-jährige Sohn mit seinen Geschwistern. Die Mutter trinkt Bier mit ihren Freundinnen.
Eines Morgens starten wir früh, um Luang Prabang zu erreichen. Haben wir in den letzten Tagen viele Meter erklommen, steht heute endlich eine lange Abfahrt bevor. Wir starten wie immer bei strahlendem Sonnenschein, das Tal wird noch von einem dicken Wolkenmeer überzogen. Wir sausen bergab. Dann, kurz bevor wir in die Nebeldecke eintauchen, passiert es: Sämy reisst es das Vorderrad unter den Händen weg. Er realisiert gar nicht was passiert, bis er auf der Strasse liegend zum Stehen kommt. Der Handballen schmerzt etwas, sonst scheint nichts Weiteres passiert zu sein. So schaut er zurück nach Sabine. Zu seinem Erschrecken liegt auch sie auf der Strasse?! Sie hat Sämy fallen gesehen und wohl etwas zu stark gebremst. Es hat sie gröber erwischt, die Hand blutet, das Bein und der Arm schmerzen. Wir putzen die Schürfungen an der Hand notdürftig, entfernen einen Kiesel und schnell stehen eine Handvoll Laoten um uns. Einer weiss genau was bei offenen Wunden zu tun ist, sammelt einige Blätter, zerkaut sie und drückt den Brei auf das Loch zwischen Sabines Ring- und dem kleinen Finger. Ergänzend verscheucht er die bösen Geister mit Wispern und Blasen über die Hand – na jetzt kommt bestimmt alles gut!
Einer bedeckt den Blutfleck auf der Strasse noch mit Erde und dann scheint ja nun alles OK zu sein. Die Gruppe verschwindet so schnell wie sie aufgetaucht ist. Wir stehen etwas verloren da – an eine Weiterfahrt nach Luang Prabang ist nicht mehr zu denken. Wir versuchen nachzuvollziehen, was passiert ist: Die Strasse ist vom Nebel noch nass und sogar mit den Schuhen rutschig wie Eis. Wir desinfizieren die Hand dann noch richtig und bald können wir einen Bus stoppen, der uns mitnimmt. Schade um die Abfahrt.
In Luang Prabang schnappen wir das erstbeste Hotel und schauen uns Sabines Verletzungen an. Wir entdecken, dass auch ihr Arm nicht verschont geblieben ist, die Wunde hat sich aber bis jetzt unter der Jacke versteckt. Erneut versuchen wir, den Dreck aus den Schürfungen zu bekommen. Ins Spital wollen wir irgendwie nicht, wird einem doch geraten, lieber nach Thailand oder dann doch Zuhause zum Arzt zu gehen…
Luang Prabang ist ein lauschiger Ort. Mitten in der Stadt ragt ein Hügel in die Höhe, darauf befindet sich ein Tempel. Östlich begrenzt sie der Fluss Nam Khan, welcher hier in den nördlich vorbeifliessenden Mekong mündet. Gemütliche Kaffees mit Patisserie und Baguettes im Angebot säumen die Strassen. Ideal also, um uns etwas vom Sturz zu erholen.
Im Hostel treffen wir Marine und Axel, zwei französische Backpacker-Geschwister. Wir geniessen gemeinsam das Vegie-Buffet auf dem Food-Markt und kosten danach Kokosnuss-Pancake-Kugeln frisch vom Holzkohlegrill. Wir schlendern durch die Stände des Nachtmarktes, welche teils handgewobene Schals, Taschen oder Kissenbezüge, teils massenimportierte Waren aus China anbieten. Dann gehts zur ganztägigen Happyhour im zum Stammlokal werdenden LaoLao-Garden. Auch besuchen wir den nahen Tad Sae Wasserfall. Wir geben unsere Velos unseren Freunden und mieten uns einen Eingänger mit Sitzgepäckträger, da Sabine noch immer nicht Fahrradfahren kann. Es wird ein lustiger Ausflug, denn kaum geht es etwas steiler Bergauf, muss Sabine abspringen und der Velo-Gruppe hinterher sprinten. Das letzte Stück zum Wasserfall kommt man mittels Longtailboat-Taxi, welches gerade genügend Platz für uns vier bietet. Wir sitzen etwas unter dem Wasserspiegel und können problemlos links und rechts über den Bootsrand ins Wasser langen. Die Boots-Schraube dreht an einem ca. 3m langen Rohr direkt an der Wasseroberfläche, um im seichten Wasser nicht am Grund aufzusetzen – daher der Name. Während wir die kurze Fahrt durch den Jungel geniessen, ist unserer Fahrer non-stop am Wasser aus dem Boot Schöpfen.
Es gefällt uns in Luang Prabang und so verbringen wir hier gleich Weihnachten und Neujahr. Während ersteres nicht wirklich gefeiert wird, organisiert das Hostel für den Jahreswechsel eine grosse Party: Ein Gratis-Buffet mit riesiger Auswahl an Früchten, Reis- und Nudelgerichten, Sonnenblumenkernen sowie auch Schnaps und Zigaretten steht bereit. Und Bier gibt’s zum halben Preis. Wir feiern bis in alle Nacht und gönnen uns noch einen Ruhetag bis zur Weiterreise.
Diese wollen wir mit dem Slow-Boot den Mekong hoch bis an die thailändische Grenze bestreiten. In einer zweitägigen Fahrt tuckern wir auf dem Fluss. Bei Stromschnellen knirscht uns das Boot fast zu fest und der Keilriemenriss nur wenige Kilometer vor der Ankunft scheint nicht der Erste zu sein. Wir geniessen aber die langsame Fahrt vorbei an abgelegenen Fischerdörfern und es gibt immer mal wieder etwas zu sehen: Hier wird eine Getreidemühle abgeladen, da steigt eine Dorfbewohnerin in modischen Stöckelschuhen vom Boot in den Sandstrand. Wir lassen noch ein letztes Mal die laotische Natur an uns vorbeiziehen, dann sehen wir bereits die grosse «Friendship-Brücke 4», welche uns zurück nach Thailand bringen wird.
Die farbigen und goldig glitzernden Paläste und Tempel beeindrucken uns. Es ist so eine ganz andere Welt, als noch vor ein paar Tagen! Wir machen einen Ausflug zum touristischen Chatuchak Weekend Market, essen uns durch Chinatown, spazieren in den Strassen dieser Metropole und entdecken so herzige Quartiere. Dazwischen verbringen wir viel Zeit im Guesthouse, studieren Reiseführer, tauschen uns mit anderen Fahrradreisenden aus und die Velos werden komplett auseinander genommen, geputzt und wieder zusammengeschraubt.
Am Loi Krathong, dem alljährlichen Lichterfest, nehmen wir die Fähre über den Fluss Chao Phraya. Beim Viharn Tempel ist viel los: Buddha-Statuen werden, begleitet vom Mönchsgebet, gegossen, überall können mit orangen Blumen und Bananenblättern geschmückte Lichterschiffli gekauft werden, es gibt Essen und Musik. Es herrscht eine verhalten fröhliche Stimmung. Die Menschen zünden die Kerzen auf ihren Lichterschiffli an und lassen sie – nach den obligaten Selfies – auf dem Fluss schwimmen. Damit soll alles Negative losgelassen und ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Wir stellen uns das Ganze romantisch vor, mit einem riesigen Lichtermeer auf dem Fluss. Die Realität sieht jedoch etwas anders aus: Nur wenige Meter schwimmen die Flosse dem Ufer entlang, die meisten Kerzen sind bereits beim aufs Wasser Aufsetzen ausgegangen. Dann landen sie im Rechen und werden von Helfern mit grossen Netzen wieder rausgefischt…
Da der König erst vor wenigen Wochen gestorben ist, tragen hier praktisch alle Thais schwarz. Im Nationalmuseum steckt eine unbekannte Frau Sabine ein Trauerschläufli zu. Es kommt vor, dass uns wildfremde Thais in der Strasse anquatschen und klagen, wie traurig sie sind, da nun sozusagen ihr Vater nicht mehr hier sei. Eine Frau fällt Sabine sogar mit Tränen in den Augen in die Arme. Auf dem Sanam Luang Platz warten zehntausende Trauernde darauf, den Grossen Palast besuchen und sich vom verstorbenen König verabschieden zu können. Die Beerdigung findet erst in einem Jahr statt. So lange dauert es, bis der prunkvolle Wagen für die Kremierung gebaut worden ist.
Nach einer Woche fühlen wir uns mehr als bereit und freuen uns, endlich wieder einmal Velo zu fahren. Die Rückspiegel sind ummontiert und so wagen wir uns auf die linke Strassenseite. Die Fahrt aus Bangkok verläuft erstaunlich reibungslos. Die geduldige und tolerante Fahrweise der Thais freut uns. Wir geniessen die Ruhe auf der Strasse ohne das unaufhörliche Hupen, wie wir es in Zentralasien erlebt haben. Die erste Etappe führt uns nach Ayutthaya. Dieser Ort ist von 1351 bis 1767 Hauptstadt des gleichnamigen, siamesischen Königreichs gewesen. Unzählige Tempel der Stadt sind allerdings im Siamesisch-Birmanischen Krieg 1767 zerstört worden. Überall in der Stadt sind die eindrucksvollen UNESCO-Welterbe-Ruinen verteilt. Modelle helfen uns vorzustellen, wie das früher einmal ausgesehen haben muss. Zum Teil ist nämlich nicht viel mehr als ein Haufen Steine vom Bauwerk übrig…
Unser nächstes Etappenziel ist der Khao Yai Nationalpark. Es ist heiss und wir sind innert kürzester Zeit klitschnass. Der Nationalpark liegt in der Sankamphaeng-Bergkette auf einem Sandstein-Plateau. Es sind anstrengende Höhenmeter, die wir erklimmen müssen. Denn die Steile der Strasse ist alles andere als velofreundlich. In stetem Auf und Ab geht’s durch immergrüne Trocken-, Regen- und Nebelwälder. Auf dem Weg zum Campingplatz besuchen wir den Haew Narok-Wasserfall wo sich die Wassermassen 80m in die Tiefe stürzen. Ein äusserst spektakulärer Anblick. Wir stellen unser Zelt auf und erhalten schon bald Besuch von den neugierigen Hirschen. Da heisst es schnell alle Esswaren sicher verstauen und bewachen, denn die Tiere finden die Köstlichkeiten innert kürzester Zeit. Anscheinend sollen sie sogar die Reissverschlüsse der Einheits-Mietzelte öffnen können!
Am nächsten Tag machen wir uns auf einen gemütlichen Spaziergang durch den Jungle. Ausser einigen bunten Schmetterlingen begegnen wir nicht vielen Tieren. Plötzlich halten uns Teilnehmer einer geführten Tour vor uns zur Vorsicht an. Wir verstehen die Unruhe erst nicht ganz, entdecken dann aber im Gebüsch, keine zwei Meter von uns entfernt, ein fettes Siam-Krokodil. Wow! Gemütlich liegt es da und schnappt immer wieder zu, was als lautes «Klack» zu hören ist. Wir beobachten das Krokodil eine Weile, bis es schwerfällig ins Wasser gleitet und davon schwimmt. Bald laufen wir wieder auf die geführte Gruppe auf, welche gerade eine schlafende Giftschlange beobachtet. Intensive Internetrecherchen ergeben, dass da eine giftgrüne Bambusotter liegt, deren Biss für den Menschen aber selten tödlich endet. Wie der Guide diese im Grün der Pflanzen hat entdecken können, bleibt uns ein Rätsel.
Heute tummeln sich einige Affen auf dem Zeltplatz und bei der Fahrt durchs Grasland hoffen wir vergebens, einen Elefanten oder Gauer zu entdecken. Beim zweiten Urwald-Trip treffen wir Chrigu aus Aarau und verlaufen uns vor lauter Schwatzen prompt. Es beginnt zu regnen und, um die Dramatik perfekt zu machen, steigen unsere beide Mobiltelefone mit dem GPS aus. Chrigu zückt nach einer Weile sein Tablet und wir bemerken, dass wir uns immer weiter von unserem Ziel, einem Watchtower, entfernen. Nun haben wir zwei Möglichkeiten: Zurück, bis wir die letzte Markierung finden, oder dem GPS folgend irgendwie versuchen, über den Fluss zu kommen. Wir entscheiden uns für erstere Variante, in der Hoffnung, auf dem offiziellen Weg das Wasser gescheit überqueren zu können. Bei der letzten Markierung angekommen, finden wir auch sofort die korrekte Route: Über einen dicken Baumstamm soll man ans andere Ufer gelangen. Phu, es braucht schon etwas Überwindung, über das nasse Holz zu klettern. In Sabines Phantasie warten die Krokodile mit offenen Schnauzen bereits darunter… Aber es geht alles gut und wir erreichen kurz vor dem nächsten Wolkenguss den schützenden Turm. Ausser ein paar Gibbons, die sich in den Baumkronen ausgetobt haben, sind uns erneut nicht viele Tiere zu Gesicht gekommen. Aber irgendwie war es uns auch recht, so mitten im Urwald nicht wieder einer giftigen Schlange zu begegnen! Dafür entdecken wir eine exotische Flora: Hunderte Wurzeln, die von riesigen Bäumen herunterhängen und meterweit in der Luft baumeln, ehe sie den Boden erreichen. Pflanzen mit Blättern so gross wie Teller, daneben wuchert ein Gewächs und schlingt sich einem Ast entlang, in vielen Windungen hoch in die Lüfte. Ein vor langer Zeit umgestürzter Baum liegt im Unterholz, darauf wächst ein Strauch der seine armdicken Äste mit zweifränkler-grossen Stacheln schützt.
Dann verlassen wir den Nationalpark, es geht durch Maisfelder und anderweitig durch Ackerbau bewirtschaftete Gebiete. Es ist gerade Reis-Erntezeit und so wird kilometerlang eine Strassenseite gesperrt und zum Trocknen der Körner verwendet. Bis jetzt sind wir ausserhalb des Nationalparks auf keinen Fleck gestossen, der weder bewohnt noch bestellt worden ist. Auch wenn viele Menschen grösstenteils von der Landwirtschaft zu leben scheinen, macht diese Region Thailands auf uns den Eindruck eines fortschrittlichen Landes, in welchem die grosse Mehrheit der Bevölkerung über der Armutsgrenze lebt. Einerseits lassen uns die Häuser darauf schliessen – die zwar manchmal einfach, aber nur äusserst selten ärmlich ausschauen -, zum anderen die Infrastruktur: Auch Nebenstrassen sind in perfektem Zustand, eine Schule gibts in jedem grösseren Dorf, so auch ein kleines Spital. Zudem sind die Autos auf der Strasse fast ausschliesslich neuwertige Pick-ups und Bauern tippen auf ihren Smartphones. Angeblich hat Thailand die Anzahl Menschen, welche in Armut leben, in den letzten 40 Jahren drastisch senken können; Die Thais danken dem König dafür.
Auf unserem Programm steht heute der Besuch der Ruinen Prasat Hin Khao Phanom Rung – was soviel bedeutet wie «Palast aus Stein auf dem Berg Rung». Um zur Tempelanlage zu gelangen, müssen 200 extrem steile Höhenmeter auf den erloschenen Vulkan bewältigt werden. Schon seit dem 7. Jahrhundert soll es in der Gegend Khmer-Siedlungen gegeben haben. Die von uns besuchten Ruinen stammen aus der Zeit zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert. Währenddem die Anlage zu Beginn dem von Angkor unabhängigen Fürstentum der Mahidharapur-Dynastie gehört, wird das ursprünglich als Palast erstellte Bauwerk in einen Tempel zu Ehren der hinduistischen Gottheit Shiva umgebaut. Damit ist aber noch nicht genug, denn später übernehmen buddhistische Mönche die Gebäude und bringen entsprechende Änderungen an. Wir sind insbesondere fasziniert von den detaillierten Steinmetz-Arbeiten, die die komplette Fassade verzieren und ganze Geschichten erzählen. Sie sind oft noch gut erhalten oder restauriert und für einmal geben aufschlussreiche Tafeln Auskunft über die Bedeutung.
Die Fahrt geht weiter, stets mit unglaublich starkem Gegenwind. Lässt er einmal kurz nach, sind wir gleich 5km/h schneller. Die meiste Zeit aber zerrt das ständige Auf und Ab mit Wind im Gesicht nicht nur physisch an unseren Kräften. Er bläst aus Nordosten, genau in diese Richtung soll es die nächsten paar 100km gehen…
Abends halten wir dann jeweils die Augen offen: Sehen wir irgendwo ein paar gleich aussehende Hüsli stehen, kommt bald ein Schild, auf dem neben unentzifferbarem Thai auch «24h» und «free wifi» steht. Für um die 10$ kriegen wir hier ein Bungalow inkl. eigenem Bad. Manche dieser «Resorts» sind mit riesigen Spiegeln über und neben dem Bett ausgerüstet, an den Wänden hängen halbnackte Frauen und neben den Tüechli und Seifen liegt auch ein Kondom bereit. In diesen «Love-Hotels» hat jedes Hüsli sein eigenes Tor, damit ja niemand entdecken kann, welches Fahrzeug jetzt da parkiert ist. Natürlich wird es auch für uns und unsere Velos geschlossen. 
Weiter geht’s durch viele Dörfer, in denen uns die Menschen mit einem breiten Lachen im Gesicht laut zurufen. Zum Zmittag halten wir an einem der etlichen Strassenständen. Da wo bereits viele Thais sitzen muss es sicherlich besonders fein sein! Manchmal hat es Bildli, da kann man sich etwas aussuchen. Meist wird aber auch einfach gekocht, was man sich wünscht. Klingt super! Ist aber gar nicht so einfach, respektive abwechslungsreich, wenn der Koch nur Thai spricht und wir bloss «Gebratener Reis» auf Thai wissen.
Oft gibt es aber nur ein Menu: Nudelsuppe. Da gibt’s eines Mittags die Überraschung, dass unter anderem ein Hühnerfuss drin schwimmt… Sabine ist somit die Lust auf Fleisch vergangen und Sämy kriegt ihre Brätkügeli, Blutwurstmöckli und eben dieser Hühnerfuss. Ihm schmeckt all dies vorzüglich. Abends müssen wir uns jeweils etwas sputen: Nach 17:00 wird die Anzahl an Essständen und offenen Restaurants kleiner und nach Einbruch der Dunkelheit ist es schwierig, überhaupt noch etwas zu finden. Ausser es ist gerade Nachtmarkt, wie in Kuchinarai. Da essen wir uns durch das halbe Angebot: Fisch- und Fleischspiessli, Frühlingsrollen, mit Meeresfrüchten gefüllte Omlettes und alle möglichen Saucen. Die Insekten lassen wir aber gerne am Leben. Die Thais sehen das anders: Die Nachfrage ist angeblich so gross, dass solche aus Kambodscha importiert werden müssen. Auch Süsses gibt’s hier zum Beispiel in Form von Waffeln entweder mit Rosinen oder mit Maiskörnli. Etwas bleibt konstant: In den günstigen Gerichten vereinen sich Geschmäcker, von denen wir in Zentralasien nur haben träumen können.
Unser nächster Sigthseeing-Höhepunkt ist der Wat Phu Tok. Der Phu Tok – was soviel heisst wie einsamer Berg – ist ein alleinstehender Sandstein auf oder an den Mönche 1968 einen Tempel gebaut haben. Mit zig anderen vorwiegend Thai-Touristen klettern wir die vielen steilen Holztreppen hoch. Sieben Levels kann man bis zum Gipfel erklimmen. Diese symbolisieren die sieben Schritte zur buddhistischen spirituellen Erleuchtung. Auf der fünften Plattform befindet sich ein Tempel in einer kleinen Höhle und immer wieder kommen wir an Meditationshütten vorbei. Bei einigen Plattformen sind aus Holz Stege an die steil abfallende Felswand gebaut worden. Wir geniessen das sichtlich mehr als all die asiatischen Touristen, die sich verkrampft an den Berg klammern und nur vorsichtig einen Schritt vor den anderen wagen. Die Aussicht ist traumhaft: Ein Fluss, der sich in weiten Schlingen seinen Weg durch die grüne Ebene sucht und ein paar rote Felsen, die aus der Landschaft ragen. Von hier oben wird auch das Ausmass der Kautschuk-Plantagen sichtbar: So weit das Auge reicht stehen die Bäume in Reih und Glied. Kein Wunder ist Thailand der grösste Exporteur der Welt. Es wird mehr exportiert, als Platz 2 und 3 zusammen! Uns freut diese Tatsache gar nicht. Denn nach der Ernte wird der Kautschuk mit Ammoniak behandelt, damit er beim Transport nicht davon fliesst. Bei der Fahrt vorbei an den zahlreichen Kautschuk-Sammelstellen wird uns jeweils fast übel, so hässlich stinkt es schon ewig im Voraus.
Nun erreichen wir den Norden und damit den Mekong. Wir suchen uns eine Unterkunft, was sich als schwierig herausstellt. Anscheinend sind alle Schüler Thailands hierher geschickt worden und somit jedes Bett in der Region besetzt. In einem Resort können wir zum Glück gratis unser Zelt aufstellen. Wir werden mit Wasser versorgt und dürfen uns am nächsten Morgen zu den Resortbetreibern ans Frühstück setzen. Es gibt Klebreis und immer mehr kleine Gerichte und Saucen werden gebracht. Mitleidig wird festgestellt, dass wir das mit dem Klebreis-Essen nicht im Griff haben. Man nimmt sich einen «Bollen» Reis und knetet den zuerst etwas, bevor er in eine Zutat getunkt und in den Mund gesteckt wird. Anscheinend stellen wir uns aber so ungeschickt an, dass schon bald je ein Teller Jasminreis vor uns steht… Leider können wir noch immer praktisch kein Thai und so ist die Kommunikation mit diesen herzenslieben Menschen sehr beschränkt. Zum Abschied werden wir Facebook-Freunde und rollen schliesslich auf die Strasse, die uns dem Mekong entlang Richtung Westen bringen soll. Wir fahren zur Mittagszeit in eine kleine Stadt am Ufer. Da ist richtig viel los: Auf grossen Bühnen machen junge Menschen Musik und es wird dazu getanzt. Dies alles in glitzernden Kostümen, die Frauen tragen aufwendige Hochsteckfrisuren und viel Schminke. Wir geniessen das Spektakel und einen Eiskaffee. Ob das der Grund ist, weshalb hier alle Unterkünfte ausgebucht sind?
Die Fahrt dem Mekong aufwärts entspricht nicht ganz unseren Vorstellungen: Es hat viel Verkehr und der Fluss versteckt sich weitgehend vor uns. Wir merken, dass das Vorwärtskommen im Moment mehr Pflicht als Spass ist. Wir realisieren, dass wir müde sind. Müde, jeweils weiterzuziehen, nachdem wir an einem Ort länger gewesen sind und uns wohl gefühlt haben. Müde, die Menukarte wieder nicht lesen zu können und wieder kein Wort mit Einheimischen wechseln zu können; Frisch gewonnenen Freunden schon wieder Lebewohl sagen zu müssen. Obwohl wir die aktuelle Freiheit unglaublich geniessen, fehlen uns viele Sachen aus dem Alltag zu Hause: Sich nützlich fühlen, wieder einmal etwas produzieren, das Hirni brauchen, mit der Familie beim Znacht sitzen, mit Freunden an Felsen rumhangeln oder gemütlich ein Bier trinken… In Zentralasien haben wir gedacht, wir haben die Kultur langsam satt und uns deshalb auf Südostasien gefreut. Nun merken wir: Es ist eher das ständige Unterwegssein. Wir brauchen dringend Ferien! Klingt irgendwie doof, ist aber so.
Warum also nicht ein paar Tage in einer Hängematte auf der faulen Haut liegen, das Rauschen des Meeres in den Ohren, einen Cocktail in Reichweite? Wir haben gehört, dies sei in Thailand gut möglich und planen, über Umwege genau an einen solchen Ort zu gelangen.
Als nächstes steht aber erst ein weiterer Grenzübertritt bevor und wir freuen uns auf eine hügelige, herausfordernde Route durch die Berge von Laos.
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Doch wir wissen: In wenigen Tagen brechen unsere französischen Freunde, Lucie und Pierre, von Almaty auf. Bis dorthin ist es aber noch eine weite Strecke – wir rechnen mit drei Fahrtagen. Also strampeln wir bis es dunkel wird. Mit der Dämmerung wird auch die Kälte immer unerbärmlicher und wir springen schnell in unseren Schlafsack. Am nächsten Morgen ist dann prompt das Zelt eingefroren – beim Zusammenpacken stäubt der Schnee.
Wir starten schon mit kalten Füssen und dies, obwohl wir die Metall-Plättchen der Klick-Schuhe extra herausgeschraubt und alle Löcher zugetaped haben. Dies will sich beim langsamen Aufstieg nicht wirklich ändern. Als wir kurz vor der Passhöhe dann noch in dicken Nebel tauchen, frieren neben dem Wasser in unseren Trinkflaschen, auch unsere Wimpern ein. Und wir verlieren das Gefühl in unseren Händen und Füssen. Pünktlich zur Mittagszeit schaffen wir dann endlich den Anstieg und fahren wieder unter die Nebelgrenze. Wir kochen uns eine wärmende Suppe, denn Sämys Füsse sind noch immer zwei gefühllose Eisklötze. Doch alles Essen, Hüpfen und Reiben bringt nichts. Zudem schlägt das graue Wetter aufs Gemüt: «Wieso kämpfen wir hier eigentlich gegen diese Kälte und den Wind an und sind nicht schon längst in Almaty, die Zeit mit unseren Freunden am geniessen?», hört man einen Strampli sich fragen.
Die Entscheidung fällt uns also nicht sonderlich schwer – wir wollen per Autostopp dieser Saukälte entfliehen! Und schon 10 Minuten später wird das Verschlusssiegel eines LKW-Anhängers gebrochen, die Velos auf dem Altglasgut verstaut und wir sitzen im geräumigen Cockpit. Wir versuchen ins Gespräch zu kommen, doch dank Suppenkoma und wohliger Wärme nicken wir kurz später ein. So vergeht die 1.5-stündige Fahrt in die ehemalige Hauptstadt wie im Fluge.
Endlich kommen wir im Hostel Dom an. Und natürlich ist das Wiedersehen mit Lucie und Pierre herzlich. Wir besichtigen die Stadt zusammen; sie ist sehr grün und wir flanieren gemächlich durch die Parks. Zum Aufwärmen gibt es einen Kaffee in einem der vielen gemütlichen Café’s mit westlichen Preisen. Wir schauen in der Zentralmoschee vorbei, bleiben auf dem Platz vor der orthodoxen Kirche einen kurzen Moment zu lange stehen, sodass wir den wartenden Polizisten unseren Pass zeigen müssen (und die Franzosen ihre Kopie, da ihr Pass gerade auf der russischen Botschaft auf ihr Visum wartet). Dann schlendern wir durch eine Seitengasse in welcher plötzlich ein angenehm süsser Schokoladengeruch unsere Nasen erreicht – hier muss wohl eine Schoggifabrik stehen, auch wenn wir sie leider nicht finden können. Und zum Abschluss des gemeinsamen Tages prosten wir endlich im englischen Pub mit einem Humpen Bier!
Almaty ist sehr westlich, Werbefilme tanzen auf der Grossleinwand vor Shoppingzentren, daneben findet man aber auch den typisch zentralasiatischen Bazar. Dank grossen Öl-Vorkommen, geht es den Kasachen wirtschaftlich ziemlich gut. Dass es um Kasachstan, von allen ’stans, am Besten steht, ist auf Almaty’s Strassen unschwer zu erkennen: Die Mehrheit der Fahrzeuge ist gross und protzig, Banken erledigen ihre Geschäfte in Hochhäusern mit glänzender Glasfassade und das Preisniveau ist beinahe europäisch.
Am nächsten Tag wollen wir den Big Almaty Lake besichtigen – ein Trinkwasserreservoir in den nahegelegenen Bergen. Shakir – der Inhaber des Hostels – rät uns, einfach an den Strassenrand zu stehen, ein Auto anzuhalten und mit diesem privaten Taxi zum See zu fahren – inklusive einstündiger Wartezeit und anschliessender Rückfahrt. «Sollte nicht mehr als 10$ kosten!». Wir können das fast nicht glauben, probieren es aber trotzdem. Und siehe da, das zweite Auto nimmt uns tatsächlich mit! Wir fahren ca. 20km und schlängeln uns langsam den Berg hoch. Doch dann sehen wir die ersten Autos Schneeketten montieren. Wir wissen, dass die Fahrt bis direkt zum See wohl unmöglich ist, doch sind wir noch ein gutes Stück entfernt! Wir ahnen Böses und schon in der nächsten Kurve liegt ein Hauch von Schnee auf der Strasse und unser Fahrer verwirft die Hände: «Probljem! Sniek. Lake, njet!». Die Schweizer schätzen die Schneeverhältnisse als noch klar fahrbar ein, doch lässt sich unser Fahrer nicht umstimmen. Jänu, dann soll er halt wieder zurück fahren, wir gehen den Rest zu Fuss! Es vergehen ca. 2 Stunden, vorbei an wunderschön verschneiten Hängen und Wäldern, parkierten Autos der anderen Besuchern und dann schliesslich eisigen und schwierig passierbaren Wegen. Wir geniessen die sonnige Wanderung und, oben angekommen, die eher bescheidene Aussicht auf den See. Auch der Abstieg lässt genügend Zeit, uns mit den Franzosen auszutauschen und so verbringen wir einen wunderschönen Tag zu viert. Zurück im Tal stöppeln wir in die Stadt. Als krönenden Abschluss des Tages statten wir dem Bierladen im Quartier einen Besuch ab. Hier kann aus über 20 lokalen Biersorten direkt vom Zapfhahn an der Wand ausgelesen und in 1.5-Liter-Pet-Flaschen abgefüllt werden.
Und dann ist es schon bald soweit: Wir müssen uns für den Flug nach Südostasien parat machen. Wir klappern mehrere Veloläden nach Kartons ab und werden schliesslich in einem Jagdshop fündig. Wir wählen die Schachteln ohne Gewehrbilder, um Probleme beim Zoll zu vermeiden.
Dann schrauben wir die Pedale ab, entfernen die Vorderräder und lassen die Luft aus den Reifen, schneiden den Karton als passende Hülle zu und wickeln alles in Klarsichtfolie ein. Die Velotaschen verpacken wir in einem grossen Sack zu einem Gepäckstück.
Wir lassen Shakir für uns ein Taxi auf 21 Uhr organisieren. Um 21:20 Uhr erhält dieser promt einen Anruf: Das Taxi ist da! Etwas nervös tragen wir all unser Gepäck auf die menschenleere Strasse. Nach 10 Minuten ruft der Hostelchef das Taxiunternehmen zurück, dann nochmals und keine 30 Minuten später steht dann endlich ein Auto da. Jedoch ein ziemlich Kleines. Shakir verwirft die Hände: Er habe extra einen grossen Wagen für unsere Velos angefordert! Wir werden etwas nervöser. Doch kein Problem – das hat sicher alles in diesem Auto platz! Also murksen wir unser Hab und Gut rein, verabschieden uns und setzen uns zu zweit auf den Beifahrersitz. Dann blockiert der Fahrer: Er könne so leider nicht fahren – es sei gegen das Gesetz! Shakir und der Taxifahrer unterhalten sich nun auf kasachisch und wir werden noch etwas zappliger. Dann verschwindet Ersterer. Wir haben genug, leeren das Taxi und schicken es zum Teufel. Es ist nun 22:25 Uhr – unser Flug geht um eins. Unsere Tourenfahrer-Freunde helfen uns das Gepäck an die nächst grössere Strasse zu tragen – denn, was zum Stausee klappt, funktioniert sicher auch zum Flughafen! Und so fragen wir den erstbesten Jeep als Mitfahrgelegenheit zum Airport an. Dieser willigt ohne Nachdenken ein (der vorgeschlagene Preis ist der selbe, welchen wir auch dem Taxi bezahlt hätten: 5$). Jetzt taucht auch Shakir wieder auf, sichtlich erleichtert über unsere Lösung. Wie wir später erfahren, hat der Taxifahrer mehr Geld verlangt, welches Shakir aus der Hostelkasse holen gegangen ist, um uns weitere Sorgen zu ersparen!
Und so nehmen wir ein letztes Mal Abschied von unseren Freunden und bald auch dem mittlerweilen so gewohnten und etwas liebgewonnenen Zentralasien. Wir fühlen uns komisch, all unser Gepäck und die Velos übers Band zu schieben. Wir müssen dann am Gate doch noch etwas warten und schauen nostalgisch auf unsere bisherige Reise zurück. Schliesslich heben wir ab und schauen müde, aber noch nicht parat zum schlafen, einen Film des On-Board-Unterhaltungssystems: «Shutter Island». Nicht der beste Film DiCaprios, doch eine gute Unterhaltung bis uns um 3 Uhr in der Früh noch ein vollwertiges Nachtessen serviert wird. Der Captain setzt Kurs um den Himalaya und so schliessen wir über Dushanbe unsere Augen.
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Mit den restlichen Som gönnen wir uns ein Zmittag im Café gegenüber. Es gibt Manti (mit Fleisch und Zwiebeln gefüllte Teigtaschen), gebratenes Hühnchen und Suppen. Alles schmeckt bestens. Vollgegessen fahren wir weiter nordwärts, steigen in sanften Kurven den Berg hoch. Pamirs Höhentraining sei Dank, erreichen wir ohne grosse Mühe die Passhöhe auf 3550m.ü.M. und denken zurück an unseren ersten Pass in Tadschikistan auf 3200m.ü.M., als uns das Atmen noch schwer gefallen ist. Viele Lastwagen überholen uns, randvoll gefüllt mit Kohle oder Tieren. Diese LKWs verbrennen wohl Rohöl, denn laut brummend tauchen sie uns in dicke, schwarze Abgaswolken ein. Immer wieder bleibt einer stehen. Dann wird die Pet-Flasche geschnappt, bei einem nahen Bach gefüllt und zur Kühlung ausgiebig über dem spukenden Motor verteilt. Wir sind uns den vielen Verkehr gar nicht mehr gewohnt – sehen wir an diesem Tag doch etwa gleich viele Autos wie zuvor im ganzen Pamir! Nach einer kurzen Abfahrt gewinnen wir die verlorene Höhe gleich wieder und stehen schliesslich auf dem Taldyk-Pass auf 3615m.ü.M.
Eigentlich könnten wir dank leicht abfallender Strasse (wir verlieren über 2000 Höhenmeter auf 90km) nun eine gemütliche Fahrt nach Gulcha geniessen. Eigentlich. Aber der Wind macht uns hier leider einen Strich durch die Rechnung. Er bläst uns direkt ins Gesicht und wir müssen ganz schön in die Pedale treten. Endlich setzen wir uns in Gulcha zum Zmittag in ein Café. Das Menü ist altbekannt: Manti oder Suppe. Wir rotieren die Teller, jeder probiert jedes Gericht. Da es das erste Mal seit anfangs Pamir wieder so schön warm ist, gibt’s noch ein Glace zum Dessert. Sämys Abkürzung zurück auf die Hauptstrasse führt uns über eine ziemlich verlotterte, schmale Hängebrücke. Jedes dritte Lättli fehlt oder hat ein Loch. Phu..! Dann beginnen wir mit dem letzten Passaufstieg, finden aber bald einen lauschigen Platz fürs Zelt am Bach. Tobi fühlt sich unwohl und mag nichts essen. Auch mit Sabines Magen steht es nicht zum Besten, aber vielleicht hilft ja etwas zu essen? Nur Sämy fühlt sich pudelwohl und erzählt stolz, was für einen robusten Magen er doch habe… Wir legen uns schlafen. Doch schon bald surrt der Reissverschluss des Zeltes in Höchstgeschwindigkeit und Tobi erbricht das Zmittag. Mitten in der Nacht rennt dann plötzlich auch Sämy aus dem Zelt: Er hat fürchterlichen Durchfall.
Am nächsten Morgen geht’s den Herren wieder bestens, nur Sabine beklagt sich immer noch über ihren Magen, der noch immer mit den Mantis zu kämpfen scheint. Pünktlich zum Zmittag kommen wir auf dem Chirchik-Pass auf 2389m.ü.M. an. Während wir unsere Nudelsuppe schlürfen, findet eine kirgisische Familie gefallen an unseren Velos. Ohne zu zögern wird alles anprobiert, sich aufs Velo geschwungen und bereit sind sie für den Fototermin.
Nun wartet eine lange Abfahrt auf uns. Bis Osh verlieren wir 1300 Höhenmeter. In Tobi’s Windschatten brausen in wir ins Tal. In jedem Dorf stehen unfertige oder sich im Bau befindende Häuser. Die kirgisische Bauart erscheint uns aber robuster als im Nachbarland: Es wird mehrheitlich mit Ziegeln und oft auch zweistöckig gebaut. Am Dach werden schöne, farbige Verzierungen aus Holz angebracht. Der Dachstock besteht meist ebenfalls aus Holz, mit einem herzigen Terrässli. Dieser wird aber selten genutzt und bleibt vorne und hinten offen. Auch um die Fenster sieht die Isolation zum Teil fragwürdig aus und wir stellen uns vor, dass in den kalten Wintermonaten ganz schön viel Mist und Kohle verheizt werden muss! Auch sehr beliebt sind Frachtcontainer, die direkt ans Haus angebaut werden.
Schliesslich erblicken wir das Ortsschild von Osh. Wir schlängeln uns durch den Verkehr und finden mit Umweg über eine Treppe unser Bed & Breakfast. Frisch geduscht, machen wir uns auf zum Cafe California, in der Hoffnung einen guten Burger geniessen zu können. Nach so langer Zeit des Eintopf-Essens ist unsere Vorfreude riesig. Das Interieur ist auf amerikanisch gemacht. Prima. Leider fehlts in der Küche dann aber an Tomaten und Kartoffeln, als Hamburger kommt ein mit Käse überbackenes Hacktätschli und auf die mittelmässig gute Pizza müssen wir ziemlich lange warten. Jänu, Zentralasien ist wohl nicht der beste Ort, um westliches Essen zu finden.
Osh ist mit über 250’000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Kirgistans. Auf uns wirkt sie jedoch eher wie ein lebhaftes, grosses Dorf. In der Mitte ragt ein Fels, der Sulaman-Too (Thron des Salomo) auf. Es ist ein Pilgerort mit einer kleinen Moschee auf dem «Gipfel» und UNESCO-Kulturerbe. Viele Paare klettern die etlichen Tritte hoch, um um Fruchtbarkeit zu bitten. In Osh leben zu gleichen Teilen Usbeken wie Kirgisen und diverse russische, türkische, tadschikische, … Minderheiten, was immer wieder zu Spannungen insbesondere zwischen Kirgisen und Usbeken führt. So zum Beispiel 1990 während der Auflösung der Sowjetunion oder im Juni 2010 als es ebenfalls zu blutigen Zusammenstössen und anschliessenden Flüchtlingsströmen nach Usbekistan gekommen ist. Wir bekommen davon allerdings nichts mit.
Auf dem Weg zum Bazar gehts durch einen Vergnügungspark: Neben Bahnen, Schiess- und Essbuden im russischen Stil gibts auch lange Tische, an denen die Oscher Herren in Rekordtempo Schach und Backgammon spielen. Wir schauen eine Weile lang zu und sind baff: Das Duo vor uns schaut bei den ersten ca. 8 Zügen gar nicht erst, was das Gegenüber zieht! Wie oft haben sich die beiden wohl schon herausgefordert?
Filzhüte sind hoch im Kurs bei Kirgisen jeglichen Alters. Der typische, ca. 30cm hohe, Weisse ist mit schwarzen Mustern verziert. Diese sind ganz persönlich und lassen auf die Anzahl Kinder, deren Geschlecht, usw. schliessen. Zudem ist er länger als breit und wird in jungen Jahren längs getragen und erst beim Erlangen der Weisheit auf quer gestellt. Heute wird er gerne auch gegen einen etwas moderneren Filz-Baseball-Tschäpper getauscht.
Wir geniessen den Besuch auf dem Bazar. Es sind zig Menschen auf den Beinen und in den schmalen Gängen zwischen den Ständen herrscht ein Gedränge. Man findet hier einfach alles: Von Kleidern und Schuhen, über Schreibwaren, Heimwerkergschmeus, Veloersatzmaterial, Küchengeräte, Waschmaschinen und andere elektronische Artikel und natürlich Esswaren. Wir decken uns ein mit leckerem Dörrobst, frischem Gemüse und Gewürzen. Auch Samsas mit allen möglichen Füllungen sowie gekochte Maiskolben werden angeboten. Auch wenn wir für unseren vegetarischen Freund Martin nach Samsas mit Kartoffelfüllung verlangen, versteckt sich gewiss irgendwo ein Stück Fleisch. Und Fett. Typisch Zentralasien. 
Am nächsten Tag kehren wir nochmals auf den Bazar zurück: Tobi braucht Kartons, um sein Velo flugbereit zu machen. Nach vielen «Njet»s werden wir endlich fündig. Und dann ist es soweit und wir müssen Adiö sagen. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, wir haben so viel zusammen erlebt, so viel Wunderschönes gesehen. Am frühen Morgen fährt Tobi zum Flughafen und wir sind wieder alleine. Ein komisches Gefühl. Etwas orientierungslos hängen wir im Hostel rum. Wir wollen Pläne schmieden – eine Alternativroute zu China finden. Gefühlte 1000 Optionen stehen zur Verfügung. Etwas überfordert verschieben wir den Entscheid auf später und verlassen nach einer Woche Osh in Richtung Djalalabad. Es geht auf verkehrsreicher Strasse durch stark besiedelte Gebiete. Alle paar Meter kann man eben geerntete Kürbisse erstehen. Sabines Knie rebelliert schon am Abend des ersten Fahrtages. Wir fahren noch zwei Tage weiter, aber ihre Schmerzen werden immer stärker. Gleichzeitig verschlechtert sich das Wetter und so beschliessen wir, einen Ruhetag einzulegen.
Es regnet wie aus Kübeln. Also verbringen wir den Tag gemütlich im Schlafsack und duellieren uns im Siedler. Am nächsten Morgen strahlt der Himmel tiefblau und hinter den gelben Feldern sind weisse Berggipfel auszumachen. Einfach wunderschön! So macht es Spass, Velo zu fahren. Bald wechselt der Strassenbelag von Asphalt zu Schotter und wir werden von jedem vorbeifahrenden Auto gefragt, wo wir hin wollen. Über den Kaldama-Pass auf 3060m.ü.M. – Das sei nicht möglich! Es liege zu viel Schnee. Wir möchten lieber selber herausfinden, ob das wirklich der Fall ist, mit dem Risiko, alles wieder zurück nach Djalalabad fahren zu müssen. Der Wind bläst uns die ganze Zeit entgegen – immerhin würde sich dieser in Rückenwind verwandeln.
Am Abend erreichen wir den Fuss des Passes und schlagen unser Zelt am Ufer des Flusses auf. Es stürmt die ganze Nacht so stark, dass es uns fast mitsamt Zelt wegbläst.
Auch am nächsten Tag weckt uns erneut herrlicher Sonnenschein. Wir hoffen, die Sonne möge möglichst viel Schnee weggeschmolzen haben. Keines der überholenden Autos versucht uns heute von unserem Vorhaben abzubringen. Und als uns immer mehr Lastwagen entgegen kommen, sind wir langsam sicher: Wenn die das schaffen, dann schaffen wir das auch! In Serpentinen schlängelt sich die Strasse auf dem Rücken des Berges hoch. Zu unserem Erstaunen ist dieser ungeteerte Weg vom Schnee geräumt worden. Was für ein Glück für uns! Denn die Landschaft wird immer weisser, die Strasse ist zwar nass, aber bis auf wenige Kilometer vor dem Pass schneefrei. Wir zwängen uns an ein paar Lastwagen vorbei, die auf dem Eis-Matsch des letzten Kilometers in der engen Schneegasse steckengeblieben sind und weder vor noch zurück können. Oben werden wir mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Sogar die weisse Kette des Pamirs ist weit hinten noch zu erkennen. Auch auf der anderen Seite des Passes kommen wir nicht mehr aus dem Staunen raus. Unglaublich eindrücklich liegt die Landschaft in sanften Hügeln vor uns. Bäche haben darin wie Adern tiefe Kerben gefressen. Die Sonne geht unter und wir versuchen noch etwas Höhe zu verlieren, um der eiskalten Nacht etwas zu entfliehen. Unsere Füsse werden zu Eisblöcken und wir müssen sie anschliessend ganz schön massieren, um sie wieder warm zu bekommen.
Durch steppenartige Landschaft gehts nach Kazarman. Wir begegnen unzähligen Reitern, die ihre Herden geschickt von einem Feld zum nächsten treiben. Und dies – im Gegensatz zu Tadschikistan, wo uns die Behandlung der Tiere sehr brutal vorgekommen ist – ganz ohne Schläge auf Kuhrücken oder Schafshinterteile. Das letzte Stück runter zur Arbeiterstadt Kazarman führt uns auf perfekt geteerter Strasse. Sie befindet sich noch im Bau und wird gerade penibelst genau von einem chinesischen Geomatiker vermessen. Auch die restliche Belegschaft ist chinesisch. Denn: Wichtige Strassen in Kirgistan werden allesamt von der chinesischen Regierung finanziert: So können ihre Lastwagen die chinesischen Exportgüter schnell und bequem in andere zentralasiatische Staaten bringen.
Zur Goldmine Makmal fahren wir am nächsten Tag. Die wenigen Autofahrer sind äusserst zuvorkommend: Alle fragen uns, ob wir nach Djalalabad wollen? Dann müssten wir nämlich umkehren und bei der letzten Abzweigung links! Wollen wir aber nicht – da kommen wir ja her.
Gut, aber gibts wenigstens ein Selfie mit uns und den Lastwagenfahrern? Na klar!
Es fehlen noch ein paar Höhenmeter bis zum Pass auf 2900m.ü.M. und anschliessend führt uns die Strasse durch eine atemberaubende, einsame Gegend. Die Interaktion mit Kirgisen bleibt minimal. Bei einem Hof wird uns Kumys (gegorene Milch – schmeckt leicht säuerlich, prickelnd und erfrischend) angeboten. Sobald die Leute herausfinden, dass wir kein Russisch sprechen, geben die meisten auf. Schade! Hier wechseln wir ein paar Worte oder besser, Pantomimen. Dann durchfahren wir eine der schönsten Landschaften, die wir je gesehen haben. Wir können uns kaum satt sehen, von den farbigen Hügeln die sich abrupt aus der Ebene erheben, dahinter mächtige Bergketten die im Abendlicht spektakuläre Schatten werfen. Wir zelten inmitten des unglaublich beeindruckenden Panoramas und geniessen jeden Kilometer.
Wir rätseln, was das für Pots sind, die hin und wieder mitten auf den Feldern stehen: Backöfen? Behälter für die Ernte? …? Nein, es sind die Tore des kirgisischen Nationalsports Kok Boru: Zwei Mannschaften mit jeweils vier Reitern versuchen, einen toten Schafskörper (ohne Kopf) beim Vorbeireiten vom Boden aufzuheben, unter die Beine zu klemmen und am Ende des Spielfeldes in eben diese Pots zu werfen. Schaut ziemlich makaber und brachial aus, zumal der Reiter oft beim Erzielen eines Tores direkt vom Pferderücken mitsamt Schafskörper in den Pot springt.
Vereinzelt durchfahren wir kleine Dörfer. Auf den Dächern und in den Innenhöfen trocknen die Heuballen und der Dung für den Winter. Die zum Dorf gehörigen Friedhöfe sehen aus wie grosse Sandkasten mit riesigen Lehm-Burgen als Gräber. Auch Jurten sind beliebte Grabmäler. Obwohl die «richtigen» Jurten leider schon für die Winterpause abgebaut sind, ist dieses Symbol in Kirgistan allgegenwärtig: Als Torbögen vor Dörfern, als Eingangstore, als Verzierung auf Zäunen, auf der Landesflagge, …
Wir wollen unbedingt zum Song Köl, einem See auf 3000m.ü.M, eingekesselt von Bergen. Ab Juni bis ca. mitte Oktober ist er umgeben von Jurten. Viele werden aber nicht von Hirten bewohnt, sondern nur für die Touristen aufgebaut. Die Zufahrtsstrassen führen über hohe Pässe und es wird Schnee vorausgesagt. Da oben in der Einsamkeit eingeschneit zu werden, stellen wir uns eher ungemütlich vor und entscheiden uns, erst mal nach Naryn zu fahren.
Naryn ist äusserst unsehenswert und wir haben Mühe, eine Unterkunft zu finden. Eigentlich sollte die Auswahl an Homestays des Community Based Tourisms – CBT – gross sein, aber die meisten scheinen schon in der Winterpause zu sein. Für 700 Som (ca. 10$) pro Person könnten wir ein Bett inkl. Frühstück haben. Wir diskutieren etwas und können für je 500 Som bleiben. Ein Abendessen für 700 Som/Person ist uns dann aber definitiv zu teuer und als wir den Kilopreis der Waschmaschine sehen (ca. 3$ = 15$ pro Maschine), verstehen wir die Welt nicht mehr. Die ursprüngliche Idee dieses Helvetas-Projektes war, diverse Services für Touristen wie Übernachtungen, Pferdeausflüge und Trekkings mit lokalen Guides anzubieten. Dabei kommt der Ertrag direkt den Einheimischen zu Gute. Dies erscheint uns sinnvoll, aber die Entwicklung gefällt uns irgendwie nicht. Die Preise erscheinen uns willkürlich, abgesprochen und unverhältnismässig hoch. Auch dass nur ein paar Dorfbewohner, die quasi auf der Touristenroute liegen, sowie ausgewählte Schulen oder Seniorenheime davon profitieren und viele andere gar nicht, stört uns etwas. Ein CBT-Homestay erkennt man rasch: Es ist das perfekt verputzte Haus mit glänzendem Eingangstor und neuen Fenstern, inmitten heruntergekommener Nachbarsbuden.
Wir verlassen Naryn am nächsten Tag gleich wieder und starten mit dem Aufstieg zum Dolon Pass. Kurz nach Ottuk übernachten wir am Fluss und geniessen wieder einmal den Luxus eines Zelt-Pausen-Tages, an dem es etwas schneit und regnet. Der nächste Tag empfängt uns dann wieder sonnig und wir erklimmen Höhenmeter um Höhenmeter. Bei der letzten Abzweigung, die zum Song Köl führt, bleiben wir stehen. Sollen wir es doch wagen? Wir entscheiden uns schliesslich dagegen. Kirgistan gefällt uns so gut, wir wollen unbedingt wieder einmal herkommen und dann etwas früher im Jahr. Der Pass auf gut 3000m.ü.M. liegt knapp unterhalb der Schneegrenze und wir fühlen uns in unserer Entscheidung bestätigt. Die Abfahrt ist der absolute Hammer. Wir können uns nicht mehr daran erinnern, wann wir es das letzte Mal auf so guter Strasse sausen lassen konnten. Beide brechen wir unsere Speedrekorde!
Wir kommen zum Issyk Köl, dem zweitgrössten Gebirgssee der Welt und stellen unser Zelt auf einem herzigen Halbinseli auf.
Bald führt uns die Strasse weg vom See und näher an die Berge, vorbei an Weiden und beeindruckenden, bunten Felsformationen. Wieder am See, stellen wir unser Zelt direkt am Sandstrand auf. Es windet und die hohen Wellen geben uns das Gefühl, am Meer zu sein. Vorbei an halb zerfallenen, unfertigen und wüsten Hotelanlagen fahren wir dem Ufer entlang. Der Herbst lässt die Obstbäume orange-rot leuchten und die Pappeln scheinen wie in verschiedene Farbtöpfe getunkt. Dazu die weiss glitzernden Berge im Hintergrund – ein wunderbares Bild. Wir geniessen das prächtige Wetter. Es ist so herrlich warm, dass wir im T-Shirt fahren können. Wir mögen die freundlich zurückhaltenden Kirgisen sehr gerne. Ausser, wenn sie im Auto sitzen. Es wird auf der schmalen Strasse mit kaum Abstand überholt, ungeduldig gehupt und wild mit den Händen gefuchtelt, wenn wir nicht prompt auf den Schotter hüpfen. Wir treffen in Dörfern auf den einen oder anderen Betrunkenen und vermuten auch solche unter den Autofahrern… Auch die Fahrzeuge scheinen oft alt und in schlechtem Zustand. Jedes zweite hat mindestens einen Sprung in der Windschutzscheibe. Und jeden Tag kann man beobachten, wie ein Auto ein anderes abschleppt.
Gerne möchten wir von Karakol aus in den Bergen etwas wandern. Doch schon auf dem Weg dahin beginnt es zu schneien. Das Wetter zeigt sich in den Tagen nach unserer Ankunft nicht von seiner besten Seite und so faulenzen wir im fast leeren Hostel. Karakol ist ein angenehmes, kleines Städtchen. Das Sightseeing beschränkt sich auf den Besuch der orthodoxen Kirche aus Holz und des Container-Bazars. Es ist eisig kalt draussen und wir geniessen es auszuschlafen, dank Netflix die ersten Filme seit 8 Monaten zu schauen und es gemütlich zu nehmen. So gibt es auch seit Buchara den ersten Cappuccino mit feinem Kuchen im «Kaffee Karakol».
Als wir beschliessen weiterzufahren, schneit es dicke Flocken vom Himmel. Also verschieben wir die Abfahrt auf zwei Tage später, wo uns die wärmende Sonne begrüsst. Die Strasse ist stellenweise eisig, aber die Fahrt durch die verschneite Landschaft wunderschön. Übernachten dürfen wir bei Kuban’s Eltern. Der gut englisch-sprechende Warmshowers-Host gibt uns einen Einblick in sein Leben als Apfelbauer. Wieviele Obstbäume er denn habe, wollen wir wissen. Er habe nur ein paar im Garten. Ok, was heisst denn «ein paar»? Er meint, er habe ca. 500 Stück und sein Vater zudem um die 1500. Aha, das sind also «ein paar» Bäume im Garten!
Es stellt sich heraus, dass sie jährlich ca. 25 Tonnen Äpfel verkaufen und dies ihre Haupteinnahmequelle darstellt. Die Äpfel werden an die Händler auf dem Markt verkauft und ein Teil nach Kasachstan exportiert. Auch Bienenstöcke hat der Vater und wir kaufen der Familie gleich ein Pet-Fläschli Honig ab.
Wir werden fein bekocht und es gibt kaum einen Gang ohne Fleisch. Sogar die Suppe, die zum Frühstück serviert wird, besteht hauptsächlich aus Fleisch und Fett, ganz wenig Kartoffelstückli hats noch drin. Dies ist die bisher grösste kulinarische Herausforderung für Sabine… Der Inhaber des Hostels in Karakol hat uns noch erzählt, er kaufe für sich alleine bestimmt 1kg Fleisch pro Woche. Dies scheint wohl eher die Regel als Ausnahme in Kirgistan zu sein.
Bevor wir starten, heisst es Fototermin: Wir kriegen traditionelle kirgisische Hüte aufgesetzt und auch die Eltern von Kuban werfen sich hübsche Umhänge um. Dann führen wir unsere Seerundfahrt fort: Der Blick über das Wasser mit den weissen Bergen im Hintergrund ist atemberaubend. Uns fällt auf, dass wir auf dieser Seeseite Dörfer durchfahren, in denen russisch-aussehende Menschen die grosse Mehrheit darstellen. Vieles ist dann auch in Russisch angeschrieben. Kuban hat uns erzählt, dass hier z.T. in ganzen Dörfern kein Kirgisisch, sondern nur Russisch gesprochen wird. Nach dem Mittag ist der Schnee bereits weggeschmolzen und wir zelten abends in Cholpon Ata am Strand gleich neben dem riesigen Stadion, welches für die World Nomad Games gebaut worden ist. Kirgistan ist dabei natürlich Kok Boru-Weltmeister geworden!
Das Wetter bleibt trocken, ein Ferienresort reiht sich ans nächste und so versuchen wir uns vor Langeweile den Sommer hier am Ufer des Issyk Köl vorzustellen: Die trostlos ausschauenden Bars voller betrunkener Russen, Kirgisen und Kasachen, am Strand reiht sich ein weisser Körper an den anderen, die Strassen sind – trotz internationalen Flughafens (!) – verstopft, … Unsere Phantasie malt keinen romantischen Ferienort aus dieser Gegend. Nach dem Zmittag hält plötzlich ein Auto vor uns, die Türen schwingen auf und Lucie und Pierre springen heraus. Wow! Was für eine Überraschung!!! Wir haben das französische Tourenfahrer-Paar im Iran kennengelernt und sind in Kontakt geblieben, um uns irgendwo wieder zu treffen. Aber dass sie uns der Uferstrasse «hinterher-stöppeln», hätten wir nicht erwartet. Umso schöner ist die spontane Pause. Wir setzen uns an den Strassenrand, trinken Tee und erzählen, was wir seit unserem letzten Zusammentreffen alles so erlebt haben. Die Zeit reicht natürlich nicht, aber wir wollen uns in Almaty nochmals treffen und das erste gemeinsame Bier trinken.
Kurz nach der Verabschiedung hält ein anderes Auto vor uns und streckt uns jeweils zwei Äpfel entgegen. Mmmmmh, die sind einfach köstlich hier! Wir finden einen idyllischen Platz fürs Zelt abgelegen am See und geniessen die Einsamkeit und Ruhe. Dies allerdings nicht lange: Um 10 Uhr nachts hält plötzlich ein Auto neben uns. Neugierig spähen wir aus dem Zelt. Gerade wird ein Fischerboot ins Wasser gelassen. Nach einer Stunde sind die Fischer zurück und verschwinden wieder. Es ist Laichzeit und Fischen deshalb eigentlich verboten. Das scheint hier niemanden zu kümmern. Denn am Morgen in der Früh erleben wir nochmals die selbe Geschichte, gleich zwei Fischerboote versuchen ihr Glück.
Wir verlassen den See und kaufen am Strassenrand eine geräucherte Forelle fürs Zmittag. In der Ferne erblicken wir zwei langsam näher kommende Punkte. Velofahrer! Die ersten seit Osch – seit fast einem Monat! Wir tauschen uns noch keine 5′ aus, als ein Büssli zu uns fährt, mit Velos auf dem Dach. Linda ist letztes Jahr mit dem Velo nach Asien, Australien und Neuseeland gefahren und nun mit einem Freund motorisiert auf dem Heimweg. So finden sich auf einen Schlag sechs Velofahrer am Strassenrand! Auf den 200km bis Bishkek verlieren wir über 1000 Höhenmeter und wir liebäugeln damit, schon morgen Abend anzukommen. Der Rückenwind trägt Seines dazu bei, dass wir auf der mässig steilen Strasse durch ein enges Tal ohne Aufwand locki flocki mit über 30km/h unterwegs sind. So gefällts uns!
Doch nach 20km ist der Spass vorbei: Die Strasse dreht ab und wir kämpfen uns durch den Gegenwind. Die kommenden 20km sind unglaublich streng und wir strampeln bis es dunkel wird.
Am nächsten Morgen steht der Wind zum Glück wieder auf unserer Seite. Das Tal wird breiter, es wird Ackerbau betrieben und die Bevölkerungsdichte nimmt mit jedem Kilometer zu. Weil’s so gut läuft und das Wetter so schön ist, entscheiden wir uns, in Tokmok einen kleinen Umweg einzulegen und nach Burana zu fahren. Dort steht eines der ältesten Minarette Zentralasiens. Nach den Besuchen in Buchara und Samarkand nichts sonderlich beeindruckendes, aber ein netter Ort für die Zmittagspause. Es sind noch zu viele Kilometer bis in die Hauptstadt für heute Nachmittag, drum nehmen wirs gemütlich und erspähen ein Waldstück als idealer Übernachtungsort. Keine zwei Minuten zwischen den Bäumen, kommt ein Mann auf uns zu. Ihm gehöre dieser Wald hier, zeigt er uns. Wir erklären, dass wir hier gerne unser Zelt aufstellen würden, ob das möglich sei? «Njet». Viel zu gefährlich. Hier würden Gefahren wie Betrunkene, Drogendealer, böse Hunde und anderes auf uns lauern. Wir sollen mitkommen, da hinten sei sein Haus. Wir sind etwas unschlüssig, geben dem Herrn dann zu verstehen, dass wir noch etwas weiter fahren wollen. Er meint, die Situation sei auch auf den nächsten Kilometern nicht besser, wir sollen mit in sein Haus kommen. «Horoscho», Ablehnen scheint unmöglich. Kurz später sitzen wir schweigend mit Ehefrau Norgul in der Küche beim Tee und schaffen es nicht, ein Gespräch aufzubauen. Als der Herr des Hauses dann heimkommt, kommts zu einer lebhaften Diskussion. Er ist ein wahres Talent, was Pantomime angeht! Wir geniessen feinen Plov (als Gast wird uns so viel Güggeli geschöpft, dass fast nicht genug für alle übrig ist) und schauen anschliessend das Video von Tochter’s Hochzeit. Es wird uns erklärt, wer mit wem wie verwandt ist, aber wir schaffen es nicht, bei diesen 600 Gästen einen Überblick zu kriegen. Spannend, einen solchen Einblick zu erhalten, aber nach ca. zwei Stunden Feier gucken, werden wir müde. Wir trauen uns nicht, etwas zu sagen. Denn die Familie scheint es ausserordentlich zu geniessen, die Hochzeit nochmals zu erleben. So nicken wir brav, als nach der ersten DVD gefragt wird, ob wir uns auch die zweite noch anschauen wollen. Nach Mitternacht wird dann (endlich ;-)) auch die Familie müde und wir beginnen, Fotos zu schiessen. Etwas darf dabei natürlich nicht fehlen: Die Touristen in traditionelle kirgisische Kleidung zu stecken.
Einen typischen hohen Filzhut kriegt Sämy dann prompt geschenkt! Die 6-jährige Medina übergibt Sabine ein herziges Armketteli als Andenken. Und zu guter Letzt, lässt uns das Paar in ihrem Bett schlafen, während sich die ganze Familie in der Stube auf den Boden legt.
Am Mittag des nächsten Tages erreichen wir das Haus unserers Gastgebers in Bishkek. Es ist ein wahres Paradies für Velofahrer: Mit Werkstatt, grossem Garten und den super hilfsbereiten Gastgebern Angie und Nathan. Letzterer nimmt uns sogar mit in die Kletterhalle, was uns in den nächsten Tagen Ganzkörper-Muskelkater beschert. Mit Ausnahme der Beine, natürlich!
Um immerhin etwas von Bishkek zu sehen, spazieren wir mit Rachael und Nico – einem britischen Velofahrer-Paar, die wir aus Khorog kennen – bei spätsommerlichen Temperaturen zum Ala-too-Platz und durch die umliegenden Parks. Und wir buchen unseren Flug: Wir haben uns entschieden, erst nächsten Frühling in Nepal wandern zu gehen. Mit einem Flug nach Bangkok können wir den Winter hinter uns lassen und gemütlich durch Thailand, Myanmar und via Indien nach Nepal fahren.
Da wir mit Lucie und Pierre einen Tag in Almaty verbringen wollen, fahren wir bald schon weiter und passieren die Grenze. Ein Land, mit so netten Leuten und atemberaubenden Landschaften: Auch nach über 6 Wochen in Kirgistan haben wir noch nicht genug und es steht weit oben auf unserer «unbedingt zurückkomm-Länderliste».
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Sämy ist noch immer geschwächt und der Gegenwind lässt Dushanbe anfangs kaum näher kommen. Es scheint eine eher ruhige Stadt zu sein, vielleicht liegts an seiner Grösse mit nur knapp 800’000 Einwohnern. Wir begegnen jedoch unzähligen Polizisten: Auf der Champs Elysee von Dushanbe stehen sie im Abstand von ca. 50m und dabei hats weniger Verkehr als auf der Hauptstrasse in Oberwil… Autos werden mit dem Leuchtstab zum wohl x-ten Mal auf dieser Strecke angehalten, uns lassen die Ordnungshüter aber in Ruhe. An allen Ecken werden die Randsteine neu bepinselt und die Beete mit blühenden Blumen bepflanzt. Die Landeshauptstadt putzt sich für den Nationalfeiertag heraus – den 25. seit der Unabhängigkeit.
Heute wollen wir einfach nur ankommen und sind überglücklich, Tobi nach einem halben Jahr endlich wiederzusehen. Er wird uns für knapp einen Monat begleiten. Das Zuhause unserer Gastgeberin Véro ist ein kleines Paradies. Während Sämy und Sabine etwas Erholung brauchen, kann Tobi verständlicherweise kaum mehr warten, endlich loszustrampeln. Wir machen einen Tag Pause, bringen die Velos auf Vordermann und erledigen den Grosseinkauf. Denn nun soll es drei Wochen auf der berühmten M41 durch das Pamirgebirge gehen. Der von den Sowjets errichtete so genannte Pamir Highway, ist die zweithöchst gelegene befestigte Fernstrasse der Welt. Diese Region wird neben dem tibetischen Hochland und dem Himalaya-Gebirge zum Dach der Welt gezählt. Voller Vorfreude und etwas nervös, wegen der Ungewissheit was uns da so erwartet, legen wir uns schlafen.
Dann gehts los, mit dem Wind gegen uns, aber immerhin die ersten ca. 115 km auf Asphalt. Es hat viel Verkehr, doch praktisch alle Autos sind gefüllt bis auf den letzten Platz oder nehmen am Strassenrand Wartende mit. Auf dem Weg nach Dushanbe hat noch jedes zweite Haus Brot verkauft, nun finden wir keines mehr. Wir fragen in Tante-Emma-Läden, wo die Verkäufer dann jeweils ihre Kinder ins Haus schicken, um für uns (ihr) Brot zu holen. Manchmal ist es nur ein Stück, dass sie noch haben und uns umsonst mitgeben. Die Menschen hier sind Selbstversorger. Jeder backt sein eigenes Brot, hat seine Kuh auf der Weide und etwas Gemüse im Garten. Entsprechend ist dann auch das Angebot im kleinen Lädeli. Dies ist häufig auch nicht als solches erkennbar und wird nur kurz geöffnet, wenn wir einen Dorfbewohner nach dem nächsten «Magasin» fragen: Hauptsächlich ist es mit Keksen und sonstigen Süssigkeiten ausgestattet. Wir finden aber hie und da auch Teigwaren, Reis und Bulgur, Tomatensauce oder Dosenfutter. Auch Schuhe und Kleider könnte man erwerben. Manchmal haben sie (gekühltes) RC-Cola und andere Süssgetränke, sowie Wasser im Angebot. Die meiste Zeit füllen wir unsere Wassersäcke allerdings aus Dorfbrunnen oder Bächen. In praktisch jedem Dorf hat eine Hilfsorganisation oder ein Staat irgendein Projekt, wie zum Beispiel den Bau von Wasserleitungen, finanziert. Dabei unterlassen sie es nicht, dieses Engagement auf einem grossen Schild zu präsentieren. Um nicht krank zu werden, filtern wir das Wasser. Denn immer hat es irgendwo Kühe, Esel, Schafe oder Pferde auf der Weide. Die Tadschiken hingegen trinken dieses Wasser ohne Bedenken – nicht selten auch aus den mit Abfall gefüllten Wasserkanälen am Strassenrand.
Wir packen gerade unser Mittagessen auf einer Wiese aus, als wir von Vahram herangewunken werden. Wir sollen mit in sein Haus kommen. In einem Zimmer wird eine Decke ausgebreitet und immer mehr Süssigkeiten, Brot, Trauben und für jeden ein Schälchen Suppe gebracht. Göttlich, dieses Zmittag! Der Lehrer und Chauffeur hat nicht viel Zeit und wir schliessen uns ihm an: Gerne hätte er uns zwar bis zum nächsten Morgen als Gäste behalten, aber der Zeitplan und die Vorfreude auf die Pamirgegend lassen uns weiterstrampeln.
Wir verlassen die gute Strasse und fahren in ein atemberaubendes, enges Tal hinein, welches von bunten Felsen flankiert wird. An manchen Stellen leuchtet die Erde feurig rot. Im Kontrast dazu steht der strahlend blaue Himmel sowie ein paar grüne Büsche am Hang. In stetem Auf und Ab gehts dem Fluss Vakhsh und dann Obikhingou entlang. Uns begegnen viele Kinder in schicker Uniform auf dem Weg zur Schule: Die Buben im Anzug, die Mädchen in Jupe und Bluse. Ihre Haare sind zu zwei Zöpfen zusammengeknotet, alle mit derselben riesigen, weissen Haarmasche.
Am Abend des vierten Tages übernachten wir auf 1800m.ü.M. Wir fragen im letzten Dorf vor dem Pass nach Brot und bekommen sechs frische Fladenbrote geschenkt! Am nächsten Tag steht der Sagirdasht-Pass (auch Khaburabot-Pass) auf dem Programm. In 25km gilt es bis auf über 3200m.ü.M. zu gelangen. Meist ist die Schotterstrasse gut befahrbar. Teile, die ausschliesslich aus losen Steinen bestehen, sind aber anspruchsvoll. Zudem fällt mit zunehmender Höhe das Atmen schwerer. Leider gibts zur Belohnung keine geniale Abfahrt – zumindest was den Strassenbelag anbelangt nicht. Die Schotterstrasse verlangt von uns vollste Konzentration. Dafür schlängelt sie sich elegant den schroffen Felswänden entlang und zwängt sich neben dem Bach ins enge Tal. Das groteske Minenwarnschild gleich neben der Strasse macht uns etwas betroffen. Am Talende treffen wir auf den ersten Checkpoint. Dieser markiert die Grenze zum autonomen Gebiet Gorno-Badakhshan im Osten Tadschikistans. Wir haben uns im Vorfeld das GBAO-Permit für diese Regio besorgen müssen, welches es hier nun vorzuweisen gilt.
Weiterhin werden wir in jedem Dorf von einer Horde Kinder begrüsst. Es bleibt jedoch nicht nur bei einem “hello, hello, hello”. Auf dieser Seite des Berges sind die Kids etwas aufdringlicher, wollen Fotos schiessen, Geld, stehen im Weg, halten sich an unserem Gepäck fest, … Wir winken und verteilen Highfives. Schliesslich erreichen wir Kalaikhum – was so viel wie «Festung am Ufer des Khumflusses» bedeutet – wo wir einkaufen und ausgangs Dorf kurz vor Dunkelheit einen Platz fürs Zelt finden. In der mit 2000 Einwohnern ersten grösseren Ortschaft seit Dushanbe gibt es einen kleinen Supermarkt, wo wir uns wieder einmal mit mehr als nur Notwendigem eindecken können.
Es wird eine unruhige Nacht. Es hat Sabine so richtig erwischt und der Durchfall und das Erbrechen schwächen sie so sehr, dass zwei Tage lang nicht ans Weiterfahren zu denken ist. Da wir bei Khorog gerne von der M41 abbiegen und durch den Wakhan-Korridor fahren würden, entschliessen wir uns schweren Herzens, mit dem Taxi dem Fluss Panj entlang zu dieser Abzweigung zu fahren. Es wird eine 6-Stündige Rumpelfahrt im Jeep. Und wir legen in Khorog gleich nochmals einen Ruhetag ein.
Dann verlassen wir die gemütliche Pamir Lodge und fahren Richtung Ishkashim. Jede Steigung ist super anstrengend für Sabine und sie hat keine Chance, das Tempo von Sämy und Tobi mitzuhalten. Da kommt die Einladung von Golestan gerade recht. Sie bietet uns Äpfel an, bewirtet uns dann aber mit Tee, Süssigkeiten, Somsa (Teigtaschen gefüllt mit Kürbis, mmmmh) und den frittierten und mit Kartoffeln gefüllten Teigtaschen, die wir in Armenien schon so gerne gegessen haben. Auf den Weg gibt sie uns dann doch noch zwei Säcke (!) gefüllt mit den versprochenen Äpfeln. Alles Erklären, dass wir auch mit ein paar wenigen Äpfeln glücklich seien, nützt nichts. Sie meint, der Weg nach Osh sei lang und auf dem Pamir-Plateau gebe es kein Obst. Na dann… Auf der Suche nach Honig, erhalten wir ein Dorf weiter von zwei Tadschiken je einen Sack Äpfel und ein paar Tomaten. Damit haben wir wohl für ein paar Wochen ausgesorgt, denken wir. Zum Glück hat Tobi noch Verstauungsmöglichkeiten. Und er ist sowieso zu schnell, da sind ein paar Zusatzkilos schon ok.
In einem Dorf finden wir einen Schlafplatz. Wir sind gerade dabei, die Äpfel zu Kompott zu verarbeiten, als eine Gruppe Kinder vom Dorf scheu näher und näher kommt. Sie legen uns einen Plastiksack hin und sind dann schwups wieder weg. Wir spähen hinein und unsere Vorahnung bestätigt sich: Es ist halt gerade Apfelerntezeit und der Ertrag scheint gross zu sein… Aber wir wollen uns nicht über diese supernette Geste und die willkommenen Früchte beklagen! Der Apfelkompott hat super geschmeckt und wir haben unsere ca. 6kg Äpfel auf 5,5kg reduzieren können. 
Als wir am nächsten Tag am Strassenrand ein mit Wasser gefülltes Becken erspähen, hält uns nichts mehr auf dem Velo: Eine heisse Quelle – was für eine erholsame Pause! Ausgangs Ishkashim flucht Sämy plötzlich los: Die Felge seines Vorderrades hat einen Riss! Diese Geschichte kennen wir doch bereits. Aber muss das denn an einem der abgelegensten Ecken der Welt passieren?
Es bleibt uns nichts anderes übrig als weiterzufahren. Wir lassen zur Entlastung etwas Luft aus dem Reifen. Zudem leeren wir Sabine’s Vordertaschen und spannen das defekte Rad bei ihr ein. Hoffentlich finden wir bald Ersatz..!
Als bei unserem heutigen Schlafplatz ein kleiner Junge mit seiner Mama vorbeispaziert, sehen wir unsere Chance und schenken ihnen ein paar Äpfel. Nur kurze Zeit später kommt der Junge zurück mit einem Plastiksack voller Gurken, Tomaten und einem Brot. Wow, unglaublich nett! Auf einmal stehen zwei Jungs bei unserem Zelt und tadaaa, drücken uns eine weitere Apfeltüte in die Hand. Mit diesem Geschenk haben wir unseren Bestand wieder auf 6kg korrigiert. 
Es ist ein spezielles Gefühl, in diesem geschichtsträchtigen Tal zu fahren und nur eine Flussbreite von Afghanistan und eine Bergkette von Pakistan entfernt zu sein. Mit dem Ziel, zum indischen Ozean zu gelangen und damit einen Hafen zu erlangen, der im Winter nicht zufriert, dehnt Russland zwischen dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhundert sein Reich stetig aus. Doch so einfach ist es nicht: Denn Indien und damit der Zugang zu eben diesem Meer, wird zu jener Zeit von Grossbritannien kontrolliert.
Aber auch die Briten haben ihre Mühe und scheitern daran, Afghanistan zu erobern. Schliesslich legen sie gemeinsam mit den Afghanen dessen nördliche Grenze – die Flüsse Panj und Pamir – fest. Der afghanische Wakhan-Korridor bildet dabei eine neutrale Zone zwischen Britisch-Indien – dem heutigen Pakistan – und Russisch-Zentralasien. Afghanistan wird so zum Pufferstaat zwischen den beiden Grossmächten. Dieser Kampf um die Vormachtstellung in Zentralasien geht in der Geschichte als «The Great Game» ein.
Wir finden einen Schlafplatz auf einer wunderschön grünen Wiese und werden am Morgen von mehreren Tierherden und schliesslich von Samira begrüsst, die uns gleich zu sich einlädt. Gespannt betreten wir das typische Pamiri-Haus. Es ist etwas dunkel und kühl und der Vater von Samira schläft noch immer auf ein paar Decken. Wir warten auf das zweite Morgenessen und haben Zeit, das Interieur genauer zu studieren: Es besteht aus drei verschachtelten Wohnbereichen (Sandj). Sie stellen die Naturreiche der Tiere, Pflanzen und Mineralien dar und werden als Schlafplatz und Wohnzimmer genutzt. Der Boden in der Mitte des Raumes ist mit Holzlatten belegt und widerspiegelt die unbewegliche Welt. Darauf steht ein Eisenofen umringt von fünf Säulen, die das Dach stützen. Sie symbolisieren die fünf Mitglieder von Ali’s Familie sowie die fünf Prinzipien des Islams. Darüber ist die Decke aus vier konzentrischen Quadraten geformt, die die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer repräsentieren. Das Fenster in der Mitte der Vierecke lässt ein paar Sonnenstrahlen ins Haus. Sonst ist das Dach flach – bei so wenig Niederschlag ideal um darauf Aprikosen, Maulbeeren oder Kuhdreck zum Heizen zu trocknen. Der Querbalken über der Eingangstür ist aufwändig mit Symbolen verziert. Teppiche an den Wänden und auf den Sandj lassen den Raum etwas wärmer wirken. Fliessend Wasser gibts aus der Quelle gleich neben dem Haus.
Vollgegessen nach unserem Frühstück und dem Kartoffel-Teigwaren-Eintopf von Samira machen wir uns auf den Weg. Die Strasse ist lange gar nicht so schlecht, aber wir kommen nicht recht vom Fleck. Im Dorf Yamchun lassen wir uns die Gelegenheit nicht nehmen und fahren mit dem Taxi zu den 500hm höher gelegenen Hot Springs und zur Yamchun-Festung. Die Sicht aufs Tal und die weissen Gipfel des Hindukush ist von hier oben noch beeindruckender.
Unser heutiges Nachtlager bauen wir auf einer Sandbank gleich neben dem Fluss Panj auf. Wir geniessen den Feierabend, doch während der Znacht-Zubereitung wird der Wind immer stärker. Unsere Pfannen und das Essen sandfrei zu behalten wird immer schwieriger und so flüchten wir ins Zelt. Allerdings haben wir nur das Moskitonetz geschlossen und somit ist bereits der ganze Innenbereich mit Sand bedeckt! Schnell schliessen wir alle Löcher und harren dem Sandsturm im Zelt aus. Am nächsten Morgen knirscht alles, der Sand ist einfach überall!
Dann ist fertig mit guter Strasse: Nur selten ist sie noch asphaltiert, hin und wieder miserabel zu befahren: Sand oder lose Steine, die einen jeweils so 50m nur schiebend vorankommen lassen. Aber wir geniessen die Fahrt durch dieses weite Tal. In den grünen Dörfern durchfahren wir lange Alleen in denen es angenehm kühl ist. Die Menschen sind zurückhaltend freundlich. Die Kinder sind stets am lautesten und erspähen uns jeweils in Sekundenschnelle. Manchmal schneller als die Hunde bellen können. 
Heute fühlt sich Tobi unwohl und wir vermuten erst, es könnte an der Höhe liegen. Vielleicht ist auch die Butter auf dem Brot schuld gewesen, denn plötzlich muss sich Tobi übergeben (in den Garten unseres Gastgebers – ups). Wir beenden unseren Velotag vorzeitig nach 25km am Mittag und beziehen ein Zimmer in Panschambe’s Homestay in Langar.
Am nächsten Tag fühlt sich Tobi wieder etwas besser und wir fahren weiter. Während Sämy nochmals zurück ins 5km-entfernte Dorf muss, um unsere Benzin-Reserven aufzufüllen, starten Tobi und Sabine mit dem Aufstieg. Schon Dorfausgangs beginnen die Serpentinen und in den Kurven ist die Strasse jeweils so steil und so schlecht, dass wir das Velo schieben müssen. Es kreuzen uns nur noch wenige Fahrzeuge (meist Touristen-Jeeps) und ein paar Schaf- und Kuhherden. Der Fluss Pamir liegt in einer tiefen Schlucht unter uns. Tobi ist noch sehr schwach und eigentlich noch zu krank um Velo zu fahren. Doch wir erreichen das heutige Etappenziel nach 25km, 800hm und über 3,5 Stunden Fahrzeit. Unser Schlafplatz liegt in totaler Einsamkeit, auf 3500m.ü.M. Die Katzenwäsche im eiskalten Bergbach beschränkt sich für gewisse von uns aufs Hände und Füsse waschen. 
Wir steigen weiter, fahren durch unberührte Natur, begegnen einzig einem Lastwagen, dessen Ladefläche mit Männern gefüllt ist, einem Touristenjeep und zwei amerikanischen Tourenfahrern. Und, wer liegt da gemütlich am Ufer des Pamirs? Wir haben es kaum mehr zu hoffen gewagt und freuen uns wie kleine Kinder ab den drei Kamelen. Auch wenns überall etwas Sand hat, irgendwie passen diese Huftiere nicht so in diese kühle Gegend… Gegen Abend erreichen wir den Checkpoint in Kargush, wo Sämy’s und Sabine’s Schuhwahl (Sandalen) ein ungläubiges Lächeln in die Gesichter der Militärmannlis zaubert.
Rasch stellen wir unser Zelt auf und verkriechen uns in unsere Schlafsäcke. Auf knapp 4000m.ü.M. wird es empfindlich kalt, sobald die Sonne hinter der Bergkette verschwindet.
Auch am Morgen ist es bitterkalt. Tobi macht den Abwasch und ihm bleibt das Besteck an der Hand kleben! Das Wasser im frisch gewaschenen Geschirr gefriert auch gleich wieder und so warten wir ungeduldig auf die ersten Sonnenstrahlen. Die 200 Höhenmeter bis auf den Pass schaffen es nicht, uns aufzuwärmen. Die Abfahrt führt durch eine karge, braune, aber unbeschreiblich schöne Landschaft. Die Sand-Strasse ist leider erneut miserabel: Sie sieht aus wie Wellblech mit kleinen Hügeln alle 20cm. Für gefederte Jeeps kein Problem, die sausen da einfach drüber. Doch uns schüttelt sie so richtig durch. Wir suchen die beste Spur am linken Strassenrand, dann rechts oder doch in der Mitte? Oft ist der Erdboden neben der Strasse sogar besser… Am Mittag sind wir zurück auf der M41 und damit endlich wieder auf Asphalt – jupiiii.
Zudem bietet sich uns eine herrliche Aussicht beim Zmittag auf farbige Felsen und türkisblaue Seen!
Der östliche Teil des Pamirs ist nicht stark besiedelt. Es gibt nur ein paar wenige Dörfer und dazwischen vereinzelt Jurten. Murgab ist der grösste Ort in dieser Region und hier gibts einen wohlverdienten Ruhetag. Wir quartieren uns in der Jurte des Hotels Pamir ein und geniessen eine herrlich warme Dusche! Abendessen gibts bei schummrigem Licht, da Stromausfälle hier zur Tagesordnung zählen.
Dann schlendern wir über den Bazar, der aus unzähligen Fracht-Containern besteht. Wir suchen nach etwas, um den Riss im Vorderrad zu stabilisieren – er ist nämlich in der Zwischenzeit so stark angewachsen, dass Sabine ihre Vorderbremse aushängen musste. Der Hartwarenladen ist gerade geschlossen und wir kommen beim Warten ins Gespräch mit einem Murgabaner. Und wies der Zufall so will, weist er uns an, ihm zu folgen. Denn er habe in seinem Haus noch einige Vorderräder herumstehen. Wir können kaum glauben, hier – im Nichts – ein funktionstüchtiges Ersatzrad gefunden zu haben. Zumindest bis in den nächsten grösseren Ort sollte es halten. Er zeigt uns zudem noch eine Adresse in seinem Notizbuch. Es sei eine Tourenfahrerin, welcher er ebenfalls geholfen hat. Ihr Name? Mia aus Scuol. Die Welt ist klein!
Da der Ostpamir eine regenarme Hochgebirgswüste ist, brauchen wir uns kaum Sorgen ums Wetter zu machen. Wir geniessen es richtig, jeden Tag mit Sonnenschein und blauem Himmel los strampeln zu können. Wir befinden uns aber immer auf über 3500m.ü.M. und so wird es tagsüber zwar angenehm warm, aber abends kochen wir meist im Zelt.
Die Täler sind hier sehr breit und weitläufig und mit zahlreichen Seitentälern gespiesen. In jedes verschwindet eine Jeepspur und weckt die Entdecker-Lust. Die Strecke durch das Pamirgebirge ist bei Tourenfahrern beliebt. Kaum ein Tag auf dem Plateau vergeht, ohne dass jemand von uns schreit: «Velofahrer»! Am Rekordtag unterhalten wir uns mit deren neun!
In der Ferne präsentiert sich der Gipfel des 7509 Meter hohen Muztagata, der bereits auf chinesischem Boden steht. Viele 100km fahren wir einem von den Chinesen errichteten Grenzzaun entlang. Ursprünglich haben die Bergketten dahinter die Grenze gebildet, aber Tadschikistan hat einen Streifen seines Landes an China verkauft.
Kurz vor Karakul fahren wir über den höchsten Pass unserer bisherigen Reise: Den Akbaital-Pass der auf 4655m.ü.M. liegt. Weiter unten leuchtet der 380km2 grosse Karakul-See in den schönsten Türkisfarben. Im Jahre 2014 ist hier eine Regatta durchgeführt worden, was ihm den Titel des höchst-beschiffbaren Sees verliehen hat. Hier haben wir auch perfekte Sicht auf den Gipfel des Pik Lenin (7134 Meter). Es ist nicht mehr weit bis Kirgistan. Nach ca. 50km und 200hm erreichen wir den Checkpoint und gleich dahinter den tadschikischen Grenzübergang. Neben Pass und Visum muss auch der bei der Einreise erhaltene Deklarations-Zettel abgegeben werden. Während der Beamte bei Sabine und Sämy jeweils das Visum und das Einreiseformular in den Abfall wirft und den Stempel in den Pass drückt, sucht Tobi sein ganzes Gepäck ab und kann den Fötzel nirgends finden. Ist es unter den Papierchen, die er in Dushanbe weggeworfen hat? Egal, es ist nicht da und der Grenzbeamte stellt sich auf stur. Tobi müsse zurück nach Dushanbe. Sabine und Sämy müssen allerdings weiter – sie haben ja schon den Ausreisestempel im Pass. Wir diskutieren. Aber er lässt nicht mit sich reden und zieht sich nach 10 Minuten in sein Büro zurück und konsultiert wohl irgendwelche Reglementsschunken. Oder er tut zumindest so. Wir warten ungeduldig und hoffen. Als er zurückkommt bleibt er aber bei seinem Standpunkt und wir versuchen vergebens, ihn dazu zu bewegen, Tobi ausreisen zu lassen. Plötzlich schickt er Sabine und Sämy raus und kurz später kommt auch Tobi aus der Tür, sichtlich nervös, er brauche Dollarscheine. Aha, so funktioniert das also. 10$ «kostet» Tobi dieses Missgeschick und wir strampeln erleichtert, aber auch etwas aufgewühlt die letzten 1,5km und 100hm zum Kyzyl-Art-Pass auf 4270m.ü.M. Nun gehts 20km ein eindrückliches Tal runter, bis wir bei Einbruch der Dunkelheit endlich die kirgisische Grenzkontrolle passieren.
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Am nächsten Tag ist das natürlich super: Endlich angekommen im Hotel, ausschlafen, Pause vom Velofahren. Doch bis dahin heisst es, bei 50°C dem Wind zu trotzen, der obwohl sich die Strasse langsam um 90° dreht, stets genau von vorne bläst. Dazu kommt, dass wir langsam unsere Wasserreserven aufbrauchen. Geldwechsel an der Grenze ist teuer, doch nun stehen wir da: Ohne Getränk und ohne Som. Glücklicherweise können wir einen 10l-Bottich Wasser mit Dollar bezahlen – bis wir in Buchara ankommen, ist dieser leergetrunken. Das Wissen, dass wir noch 3.5 Stunden auf dem Sattel sitzen müssen, die letzte Pause aber erst 20 Minuten her ist und wir bereits nicht mehr mögen, macht uns mental kaputt. Gegen Abend kehren die Menschen von der Arbeit auf den Feldern heim und wir kreuzen einheimische Velofahrer auf ihrem Dreigänger sowie auch jede Menge Eselwagen. Die Usbeken sind ein hup- und winkfreudiges Volk. Um unsere Aufmerksamkeit zu erhalten, pfeifen sie auch gerne von weit weg. Müde versuchen wir zurück zu winken oder wenigstens zu lächeln.
Wir erreichen Buchara spät abends und checken im erstbesten Hostel ein. Für einmal sind wir zu erschöpft, uns weitere Optionen anzusehen. Im Rustam & Zukhra fühlen wir uns wohl, auch wenn es eine halbe Baustelle ist. Neben einem Federbett verfügt unser Zimmer endlich wieder einmal über ein Bad mit Schüssel statt Plumpsklo. Wir schlafen wie die Herrgötter.
Am nächsten Tag erfahren wir, dass der Belgier Jean auch in der Stadt ist. Wir treffen uns mit ihm am späten Nachmittag – bis dahin liegen wir im Bett.
Abends erreicht zudem Lukas aus Deutschland Buchara und wir geniessen die nette Velofahrer-Gesellschaft. Am dritten Tag schaffen wir es früher aus dem Bett und wir sehen uns die Stadt an. Diese besteht aus unzähligen Lehmhäusern, was die Ortschaft in einem eintönigen beigen Farbton erscheinen lässt. Farbtupfer gibts dank den vielen Souvenirshops auf dem Bazar, der mit diversen Kuppeln überdacht ist. Dieser befindet sich gleich neben dem Springbrunnen Lyabi-Hauz im Stadtzentrum. Dies ist das letzte Überbleibsel der ca. 200 Bassins der Stadt, welche bis vor weniger als 100 Jahren alle noch mit Wasser gefüllt gewesen sind. Dieses Wasser ist aber nur selten gewechselt worden und da die Stadtbewohner die Pools gleichzeitig als Badewanne wie auch als Trinkwasserbrunnen verwendet haben, ist Buchara für etliche Seuchen bekannt gewesen – das Durchschnittsalter eines Bucharaners hat gerade mal 32 Jahre betragen… Heute tummeln sich Restaurants, Hostels und gegen Abend Ballon-, Souvenir- und Fastfoodstände ums Zentrum. Es ist schon sehr touristisch und steril hier, doch geniessen wir für einmal den etwas westlichen Touch – ein Hauch von Heimat. Zudem sitzen zu unserem Erstaunen im Restaurant direkt am Pool auch viele Einheimische. Da ist abends unter den Maulbeerbäumen ganz schön viel los.
Da sich das religiöse und kulturelle Zentrum Zentralasiens früher in Buchara befunden hat, stehen in der Altstadt viele Medresen (Koranschulen; im 16. Jahrhundert mehr als 100 Stück). Auch Moscheen, Karawansereien, eine grosse königliche Festung und ein fast 50m hohes Minarett sind zu besichtigen. Die Gebäude sind wunderschön, manchmal nur in beige, einige mit bemalten Backsteinen, oft in Blautönen, zu schönen Mustern angelegt. Hier haben sich die Restaurateure alle Mühe gegeben.
Wir besuchen auch den «richtigen» Bazar, wo Lokale ihre Einkäufe tätigen. Der Geldwechsel-Schwarzmarkt floriert in Usbekistan und so stehen an jeder Ecke unzählige Herren die ganz offen «Exchange?» fragen. Die grösste Note ist der 1000er-Schein und er hat einen Gegenwert von ca. 15 Rappen – das ist doppelt so viel wie auf der Bank. So tragen diese mobilen Wechselstuben also stets einen Sack gefüllt mit Geldbündeln mit sich rum. Wir bekommen deren vier – jedes ca. 2cm dick. Sie haben bei bestem Willen nicht im Portemonnaie platz. Bevor wir das Geld im Rucksack verstauen, muss es gezählt werden. Gerne werden nämlich Scheine vergessen oder einige durch 500er Noten ersetzt. Dies will geübt sein, die richtige Art wird uns aber von den Experten mit Freude gezeigt.
Es wird Zeit, weiterzuziehen und so fahren wir aus Zeitgründen mit dem Zug in ca. vier Stunden nach Samarkand. «Velosiped?» Nein, das sei nicht möglich im Zug mitzunehmen. Jetzt haben wir die Dame am Ticketschalter doch extra gefragt! Hmmmm. Ok, mal schauen… Und voilà, nach einigem Hin und Her klappts dann ohne Probleme. 
In Samarkand landen wir schliesslich im Bahodir B&B und es stellt sich heraus, dass dieses mit dem lauschigen Innenhof hier «the place to be» ist. Die Schweizer Truck-Fahrer Isabella und Thomas, sowie Jean logieren hier und am nächsten Tag taucht auch Lukas auf.
Heute steht Sightseeing auf dem Programm. Noch vor Sonnenaufgang stehen wir beim Registan. Prompt kommt ein Wächter auf uns zu marschiert und bietet uns an, für 10$ auf dem Minarett den Sonnenaufgang zu geniessen und uns dann vor dem grossen Touristenansturm in aller Ruhe die drei Medresen anzusehen. Die Bauten beeindrucken uns. Einmal mehr ist extrem viel Zeit in die Konstruktion dieser detailbehafteten Gebäude investiert worden. Auch hier ergeben die farbigen Kacheln wunderschöne Muster und die vielen Holztüren sind mit unglaublicher Präzision geschnitzt worden. Leider sind vor einigen Jahren Mauern um die Sehenswürdigkeiten gebaut worden und so ist das Ganze nun isoliert von der restlichen, lebhaften Stadt. Unauthentisch ist auch die Nutzung der früheren Schul- und Schlafzimmer: Sie beherbergen heute Souvenirshops.
Zurück im Hostel geniessen wir das Frühstück und tauschen uns mit anderen Reisenden aus. Die Berichte eines französischen Paares machen uns richtig neugierig auf Nordindien!
Dann machen wir uns auf zur Moschee von Bibi Khanym, einst eine der grössten Moscheen der Welt – die Kuppel der Hauptmoschee ist über 40m hoch. Sie müsste dringend restauriert werden, scheint sie doch beinahe auseinander zu fallen. In der grossen Mittagshitze gehts beim Bazar vorbei, Richtung Hazrat-Hizr-Moschee, dann zur Shah-i-Zinda, eine Strasse, welche von Mausoleen gesäumt ist. Einmal mehr sind dies unglaubliche Bauwerke, auch wenn hier das Ergebnis der Renovation sehr enttäuschend ist: Die schön verzierten Innenräume sind oft weiss überstrichen worden! Von Aussen können wir uns kaum satt sehen, tausende farbige Kachelstücke sind zu kunstvollen Motiven nebeneinander gelegt worden. Die noch erhaltenen Innenräume zeigen zum Teil neben dem bunten Kachelkunstwerk auch eindrücklich gemalte Verzierungen und Bilder. Nach diesem tollen Besuch spazieren wir durchs ehemalige jüdische Viertel zurück zum Hostel. Wir geniessen ein gemeinsames Znacht mit anderen Reisenden und machen uns auf zum Bahnhof. Unser Zug steht bereits da und wir suchen im schon vollen Schlafwagen unsere zwei leeren Betten. Das Einladen des Gepäcks verläuft unerwartet problemlos und kaum haben wir uns hingelegt, ruckelt der Zug los.
Komplett in einer anderen Welt werden wir um 6:30 in der Früh in Darband aus dem Zug gespuckt. Nach dieser kurzen und etwas unruhigen Nacht sind wir noch ziemlich müde, als wir uns auf unsere Sättel schwingen. Die Landschaft ist steppenartig, die Farbe beige weiterhin vorherrschend, aber die Felsen leuchten in unterschiedlichen Farbtönen. Die Schaf- und Kuhherden sind als schwarze Punkte auf den Feldern auszumachen. Die Sonne heizt uns schon am morgen früh unerbärmlich auf. Nach ein paar Steigungen geht es bergab, durch unglaublich faszinierende Steinformationen. Vorbei an einem Checkpoint, doch haaaalt, erst Pässe zeigen, bitte! Die Polizisten und schaulustige Locals haben schon vor unserer Ankunft ein Riesengaudi und sind sichtlich erfreut, zwei Touristen ausfragen zu können: Woher wir denn seien? (Aus unseren Pässen ist dies für die Polizisten seit Turkmenistan nicht mehr ersichtlich.) Wie wir heissen? Ob wir verheiratet seien? Wieviele Kinder wir hätten? «Keine». Nach einem Blick in den Pass und auf Sabines Geburtsjahr schaut er mitleidig zu Sämy: «28 und noch keine Kinder?!» So a la: «Was hast du denn dir da für eine geschnappt…?!» Die Gruppe bricht erneut in schallendes Gelächter aus, wir erhalten die Pässe zurück und freie Weiterfahrt.
Unsere Mittagspause verbringen wir mit Kinder-Unterhaltung anstatt mit Schlafen und darum legen wir bald nochmals einen Pfüüsistopp ein. Als Sabine später am Strassenrand stoppt, hält plötzlich ein Auto neben ihr. Die Türen gehen auf und zwei Frauengesichter strahlen sie an. «Salamaleikom.» (Zeichensprache:) «Dürfen wir ein Foto mit dir schiessen?» – «Klar!». Klickklick. «Kannst du russisch?» – «Njet!», «Oh, hmmm.» Dann auf russisch: «Woher bist du?» – «Schwizaria», (Mit Zeichensprache:) «Hast du Kinder?» – «Yok», keine Kinder. «Ah, was?!» (erstauntes Schweigen…) Mit einem «Rahmat» (Danke) und dem Angebot, das Velo hinten aufs Auto zu binden, verschwinden sie wieder im Wagen. Als Dank streckt eine Hand Sabine ein Brot entgegen und weg sind sie. 
Wir erspähen Dorfausgangs eine ideale Zeltplatzwiese und fragen die zwei Frauen auf dem Feld um ihre Erlaubnis. Diese deuten uns allerdings, mit ihnen mitzukommen und so landen wir bei Husan und seiner Familie. Auch hier sind Nationalität, Alter, Zivilstand und Anzahl Kinder die brennendsten Fragen unserer Gastgeber. Jedes Mal begegnen uns die Leute mit riesigem Erstaunen, dass wir weder Russisch können noch Kinder haben. Die Schwiegertochter ist nämlich erst 21 und hat schon zwei Kinder und die usbekische Durchschnittsmama gebärt deren vier! Wir werden supernett umsorgt mit gutem Essen und Chai. Die eigenen Trauben, Pistazien und Mandeln, ofenwarmes Brot, Tomaten, Melone, selbstgemachtes Joghurt sowie frisch zubereitete Tomatenpasta werden aufgetischt. Alles einfach herrlich! Schlafen dürfen wir auf der Terrasse unter wunderschönem Sternenhimmel.
Morgens sind alle schon früh auf. Sämy’s Verdauung hat seit ein paar Tagen etwas zu kämpfen und so fahren wir mit reduzierten Kräften los. Auch heute sind wir fast non-stop am Winken und «Hello»-sagen. Es hupt und pfeift von allen Seiten. Neuer Trend der Kinder auf dieser Strecke ist zudem das High-Five. Der Strassenbelag ist nicht immer in bestem Zustand und es hat starken Verkehr. Diese Kombination lässt das Velofahren recht anstrengend werden. Und als wir das Pamirgebirge im Dunst erkennen, träumen wir bereits ein bisschen von weniger Zivilisation…
Am nächsten Tag stehen wir um 7 Uhr an der Grenze. Uns erwartet das volle Programm: Gepäckkontrolle durch den Scanner, alle verdächtigen Taschen (deren 9 von 12) öffnen und ausräumen, Apotheke auspacken, Fotos auf allen Kameras, Handys und Tablet zeigen, alle Dollar zeigen, … Am Ende sind 100$ weniger da als erwartet. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir nicht genau Buch geführt haben oder der Herr Grenzbeamte sein Salär etwas aufgebessert hat. Es ist eine etwas ungemütliche Situation. Alles Diskutieren bringt nichts, ändern können wirs nicht mehr.
Die Tadschiken hingegen geben uns gegen den Deklarations-Zettel schon bei der ersten Station den Stempel in den Pass. Verwirrt suchen wir im nächsten Gebäude den Gepäck-Scanner. Es ist nichts los. Eine einzige Zollbeamtin sitzt im ansonsten verlassenen Raum. «Velosiped?» – Wir dürfen einfach durchfahren, gibt uns die Dame zu verstehen. Tadaaa, so schnell kanns gehen: E-Visa innerhalb von 2 Stunden erhalten und Grenzübertritt nach 10 Minuten geschafft, das ist Rekord – Rahmat Tadschikistan!
Wir sind früh an der Grenze und stehen – nach vielen Passkontrollen zwar, aber – überraschend rasch auf turkmenischem Boden. Nur eine kurze Gepäck- und Fotoapparatkontrolle auf iranischer Seite und extrem hilfsbereite turkmenische Grenzbeamte lassen uns zügig von einer Formalität zur nächsten gelangen. «Salam» ist auch hier gebräuchlich für «Hallo». Und für «Danke» und «Auf Wiedersehen» wird das selbe Wort «Saol» gebraucht, das ist doch ganz sympathisch.
Auch können wir hier endlich wieder die Schrift lesen und da Turkmenisch dem Türkischen ähnlich ist, finden wir dank unseren wenigen Kenntnissen den Zugang zu den Menschen etwas leichter.
In Serakhs kriegen wir in einem Kleiderladen für einen Dollar 4.8 Manat. Wir stocken unsere Ess- und Wasservorräte auf. Es soll bis am Abend keine Einkaufsmöglichkeit mehr geben und so decken wir uns mit 8l Wasser pro Person ein. Im ersten Lädeli sind wir bereits wieder einmal verwirrt, zeigt uns die gute Dame doch 55 auf ihrem Rechner – 11$ für unsere paar wenigen Sachen?! Wir gehen alles gemeinsam nochmals durch: So kommen wir auf 11 Manat. Ok, das macht mehr Sinn. Draussen geht uns dann endlich das Licht auf: Auch die Turkmenen haben sich noch nicht von ihrer alten Währung trennen können, darum sind die angegebenen Preise zuerst einmal /5 = Manat und dann nochmals /5 = Dollar zu rechnen…
Wow, sind die Menschen hier hübsch gekleidet: Die Frauen tragen bunte lange Kleider, die langen Haare sind oft hochgesteckt und ein ebenso farbenfrohes Tuch wird luftig um den Kopf gewickelt. Männer treten elegant in Hemd, glattgeglätteten Hosen und Lackschuhen auf. Oft glänzt eine ganze Reihe von Goldzähnen beim herzlichen Lachen im Sonnenlicht. Es ist eine Wohltat fürs Auge, nachdem die Frauen im iranischen Sarakhs praktisch ausnahmslos im schwarzen Tschador auf die Strasse gehen. Auch wir dürften uns wieder frei kleiden. Allerdings fliegt nur das Kopftuch, die langärmligen und -beinigen Kleider begleiten uns wegen der brennenden Sonne noch ein wenig weiter.
Tag 1 (119km / 8:48h): Die Wüste 
Die erste Etappe ist unglaublich anstrengend: Es ist wahnsinnig heiss, ein fieser Wind bläst uns den ganzen Tag entgegen und viel Kraft geht zeitweise im Schotterboden verloren. Für die nächsten ca. 100km sind wir so ziemlich auf uns alleine gestellt: Während acht Stunden sehen wir ausser den Militärs am Checkpoint keine Menschen. So alle zwei Stunden überholt uns ein Auto oder ein LKW rollt uns entgegen. Keine Siedlung, kein Schatten und nur Sand, ein paar Büsche, Wüstenmäuse und Vögel. Etwa jede Stunde machen wir Pause, quetschen uns ans Velo, um soviel Schatten wie möglich zu erhaschen und versuchen etwas zu essen. Vor Hitze ist uns aber oft nur übel. Dann zwingen wir uns, eine Frucht zu verspeisen. Wir trinken wie die Kamele und müssen trotzdem nicht aufs Klo. Irgendwann können wir fast kein Wasser mehr sehen.
Eine gefühlte Ewigkeit kämpfen wir uns mit 11km/h durch die Ebene, so stark bremst uns der Wind und immer wieder verliert der eine von uns den Optimismus und muss vom anderen motiviert werden. Als die Sonne immer tiefer fällt und als rote Kugel hinter dem Horizont verschwindet, wird es temperaturmässig angenehmer und auch der Wind lässt endlich etwas nach. Erschöpft erreichen wir um 21:30 Khauz-Khan, wo wir unsere Vorräte im Dorfladen aufstocken. In einem Balik-Restaurant ausserhalb der Stadt essen wir frittierten Fisch und Samsam (gefüllte Teigtaschen). Dazu geniessen wir unser erstes Bier seit einem Monat. Dieses hat – wie das Rüebli am Stecken den Esel – Sämy heute ans Ziel gebracht! Schlafen dürfen wir gratis draussen im Teeecken mit Teppich und Kissen. Davor gibts aber noch eine herrliche Dusche!
Tag 2 (151km / 7:07h): Die Bewohnte
Da wir gestern erst spät ins Bett gekommen sind, schaffen wir es nicht aus den Federn, als der Wecker uns um 4:45 Uhr aus unseren Träumen reisst. Wir geniessen die wohlige Wärme im Schlafsack – nachts kühlt es nämlich empfindlich ab. Um 5:30 wirds hell und eine halbe Stunde später sitzen wir auf dem Sattel. Die Strasse ist heute deutlich befahrener und richtig gut (auch nach Mary) und wir kommen dank Rückenwind in den kühlen Morgenstunden super voran. Dass unsere Beine noch so fit sind, hat uns schon etwas überrascht. Aber wir haben ganz viel Glück mit dem Wetter und der Wind macht es uns heute wirklich leichter. Links und rechts der Strasse ist es grün – es wird in der brütenden Hitze aufwändig Landwirtschaft betrieben. Es ist uns viel wohler, dass wir heute immer wieder durch bewohntes Gebiet fahren. Mary ist eine fein säuberlich herausgeputzte Stadt, mit vielen weissen Gebäuden, die mit Gold verziert sind. Ebenso glänzen Statuen vom aktuellen und ehemaligen Mr. President wo immer möglich goldgelb. Erhascht man allerdings einen Blick in einen versteckten Innenhof, zeigt sich das wahre Gesicht der Stadt: Halb verputzte, rissige Gebäude überall. Auch schaden Wohnhäuser dem prunkvollen Anblick der Stadt und so sind sie kurzerhand alle ausserhalb angesiedelt worden – die Riesenstadt nach der Stadt erinnert uns an ein Banlieue. Fotos Schiessen lassen wir bleiben, da viele Motive wie z.B. Regierungsgebäude, Brücken, Militärobjekte, usw. verboten sind und wir nicht recht wissen, was da darunter fällt und was nicht. Wir erreichen um 12 Uhr das 100km entfernte Bayramali. Wir sind so gut vorwärts gekommen, dass wir an unserem Etappenziel Mittagspause machen. Im Cafe «Yaslik» essen wir im klimatisierten Privatraum Kebab und gönnen uns während der grossen Hitze am Nachmittag ein Nickerchen. Danach trinken wir draussen Tee, damit wir uns wieder an die Hitze gewöhnen und quatschen ein bisschen mit den Besitzern des Cafes. Um halb 5 verabschieden wir uns und nehmen die 45km nach Zähmet unter die Räder. Die Turkmenen haben eine riesige Freude an uns, sie hupen, schauen und winken mit einem Lachen im Gesicht. Schweren Herzens müssen wir aber auch immer wieder an Leuten, die uns zu sich winken, vorbei fahren. Denn auch ohne diese Stopps kommen wir erst in der Dunkelheit um 21 Uhr in Zähmet an. Wir finden ein Cafe mit Zimmern, wo wir unsere Mätteli auslegen können und essen Schaschlik (Fleischspiesse) zum Znacht. Es gibt eine wohltuende Dusche und natürlich ein kühles Bier. Wir treffen hier wieder auf Isabella und Thomas und sitzen bis Mitternacht zusammen.
Tag 3 (113km / 6:46h): Die Hügelige
Das Aufstehen am nächsten Morgen ist hart. Noch todmüde fahren wir kurz nach 6 Uhr los. Der Wind hat wieder gedreht, die Strasse ist im ersten Teil etwas brüchig und die Beine schwer. Es werden strenge 110km durch die Wüste. Menschen begegnen uns erneut praktisch keine. Ab und zu flitzen weisse Toyotas oder eine Lastwagenkarawane an uns vorbei. Danach haben wir für einige Zeit wieder Ruhe und können um die Schlaglöcher zirkeln. Die Landschaft ist nicht mehr topfeben, es wird hügelig. Leider spüren wir von den «Abfahrten» nichts: Wir unterscheiden bloss zwischen streng und sehr streng… Die Sanddünen sind mit grünem Gebüsch versetzt. Die Gegend ist eintönig schön und wir beobachten Wüstenmäuse und -füchse, Erdmännli, Schlangen und viele Vögel. Immer mal wieder gibt es eine kleine Ansammlung von Häusern, die man von Weitem am hohen Telefonmasten erkennt. Am Mittag fahren wir zu einer solchen hin und fragen am Bahnhof von Peski nach einem Cafe. «Yok», es gebe aber ein «Magasin». Super, da können wir unsere Wasserreserven auffüllen und einen kühlen Schluck Cola geniessen. Wir setzen uns vors Haus in den Schatten und packen unser Picknick aus. Bald kommt die Verkäuferin raus, wir machen zusammen Föteli und sie bringt uns noch etwas zu essen (so was wie frittierte Ravioli – mmmmh). Gadam, der Bahnhofsvorsteher, bringt uns dann ins Bahnhofsgebäude, wo wir in seinem Bett schlafen können. Es ist allerdings unglaublich heiss und wir haben das Gefühl, mehr zu schwitzen als auf dem Velo… Auch Gadam und sein Mechaniker möchten noch ein Foto schiessen – die Hoffnung, als Star ins Internet zu gelangen ist bei den Turkmenen jeweils gross. Weiter gehts um 16:30 bis nach Repetek, wo wir drei Stunden später im Cafe gleich an der Strasse einkehren. Wir verdrücken Samsam, Kebab und ein Dessert. Schlafmöglichkeit gibt es eigentlich keine. Aber für uns wird im Zimmer des Sohnes ein Bett ausgelegt, wo wir erneut gratis übernachten dürfen!
Tag 4 (104km / 6:06h): Der Endspurt
Wir starten wie üblich um 6:00 in Richtung Turkmenabat. Die Strasse ist gut, der Wind noch immer gegen uns. Obwohl Sämy die längste Zeit schon verzweifelt auf Kamele wartet, geniessen wir den Anblick der Dromedar-Herde, die gemütlich über die Dünen davonzieht. Plötzlich erblicken wir in der Ferne einen Velofahrer. Dann noch einer, und noch einer, … Gesamthaft passieren uns ca. 15 Stück aus verschiedenen Ländern, die als Gruppe von Peking nach Istanbul unterwegs sind. Nachdem wir bei den ersten 3 noch dachten, es sei ein Rennen, nehmen es andere etwas gemütlicher und haben Zeit für einen Schwatz. Wir sind schon etwas neidisch über ihr Begleitfahrzeug welches das Gepäck transportiert, sowie deren Rückenwind: Die Herren um die 50ig machen noch einen richtig frischen Eindruck!
Vor und hinter uns verläuft die Strasse fadengerade, bis sie am Horizont verschwindet. Wir setzen uns Zwischenziele, damit wir die Strecke mental besser bewältigen können und gönnen uns im Cafe nach 34km einen Kaffee. Die restlichen Kilometer bis nach Turkmenabat werden psychisch nochmals eine Herausforderung und wir sind froh, als wir am Mittag endlich in das besiedelte Gebiet einfahren. Nach einer letzten turkmenischen Mahlzeit (Sämy: Nudelsuppe mit Poulet, Sabine: turkmenische Pizza = das Schaschlikfleisch liegt auf der Pizza anstatt am Spiess) und einem Pfüüsi, suchen wir Internet. Seit langem wieder einmal gibts dieses nur in Internet-Cafes! Wir berichten Adri & Steffi über unsere Erfahrungen – sie starten in wenigen Tagen ins selbe Abenteuer.
Danach fahren wir aus der Stadt in Richtung Grenze und finden im Garten eines Biolaboratoriums einen super Schlafplatz. Da niemand die Tür öffnet, richten wir uns ein. Doch plötzlich kommen zwei riesige, pechschwarze Hunde auf uns zu. Wir sind erstaunt, dass sie nicht bellen und froh, als wir einen jungen Mann entdecken. Aziz erlaubt uns da zu übernachten, bringt uns Matratzen und Kissen, eine Kanne Tee, führt uns über die Hühnchen-Fabrik, auf der er arbeitet und lebt, und kommt schliesslich mit einem Teller gekochtem Güggeli für uns vorbei. Nach dem Znacht bringt er uns nochmals Tee und zeigt uns die Dusche. Genial, damit hätten wir zuletzt gerechnet und geniessen das kühle Nass in vollen Zügen! Bei einem Bier erzählt uns Aziz von seinem Plan, so viel Geld wie möglich zu sparen, um das kriselnde Turkmenistan so bald als möglich Richtung Moskau verlassen zu können. Seine Familie wohne bereits da. Diese Geschichte macht uns betroffen. Irgendwie haben wir in Turkmenistan immer den Eindruck gehabt, die Menschen seien glücklich, trotz des diktatorischen Regimes. Im Gegensatz zum Iran hat niemand die Regierung kritisiert. Vielleicht, weil die Turkmenen nicht ganz so stark im Leben eingeschränkt werden wie die Iraner? – Kleidervorschriften herrschen keine, Musik und Tanz sind wieder erlaubt, … Oder vielleicht, weil die Angst vor den Folgen der öffentlichen Kritik zu gross ist?
Vier strenge Etappen durch Turkmenistan liegen hinter uns. Wir haben super Glück gehabt: Das Wetter hat uns keinen Strich durch die Rechnung gemacht und wir sind gesund geblieben. Es ist physisch und psychisch bis jetzt die wohl grösste Herausforderung unserer Reise gewesen. Aber wir verlassen das Land mit sehr vielen positiven Erlebnissen und Begegnungen, für die wir gerne mehr Zeit gehabt hätten.
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